Antarktis-Expedition

Singende Eisberge, begabte Orcas, unendliche Stille

Wer in die Antarktis will, muss durch die Drakestraße: sechs Meter hohe Wellen, Böen bis 111 Kilometer pro Stunde. Wer durchhält, wird belohnt: mit Eisbergen, die von innen blau leuchten, mit einem Weltrekordhalter der Lüfte und mit einer Stille, die einen sehr klein macht. Eine Expedition ans Ende der Welt.

Text & Fotografie Malte Clavin

„Macht euch bereit, denn hier kommt ihr jetzt nicht mehr weg!“ Die Worte von Expeditionsleiterin Mariam Pousa hängen im Vortragsraum der SH Vega wie eine dunkle Gewitterwolke. Draußen beginnt der Südatlantik gerade, seine Muskeln spielen zu lassen. Wir haben Ushuaia verlassen und stellen fest: Das eigentliche Ende liegt noch 800 Kilometer weiter südlich.

Mariam spricht von der Antarktis nicht wie von einem Urlaubsziel. „Die Drakestraße ist unwirtlich, unberechenbar, gefährlich“, erklärt sie mit einem Blick auf die Wetterkarten, auf denen mehr violette Warnfarben leuchten als beruhigendes Blau. „Heute Nacht erwarten uns Wellenhöhen von über sechs Metern und Windgeschwindigkeiten von mehr als 60 Knoten.“

Das sind 111 Kilometer pro Stunde. Sturmstärke. Wer auf den „Drake Lake“ gehofft hat, jenen sagenhaften Zustand schmeichelnden Windes, wird enttäuscht. Wir bekommen den „Drake Shake“. Das volle Programm. Ich flüchte auf die Brücke, bevor mein Magen das Kommando übernimmt. Kapitän Lyubomir Garciyanov, genannt „Lubo“, steht breitbeinig vor den Instrumenten, als wäre er aufs Deck geschraubt. „Unser Schiff soll nicht schnell sein“, sagt er und klopft auf die Konsole. „Es soll stark sein.“ Die SH Vega hat Eisklasse 5, ihr Rumpf bricht 1,20 Meter dickes Eis wie trockenes Brot.

Zweiter Offizier Lucian Dragan zeigt auf die Anzeige der Stabilisatoren. „Unter der Wasserlinie ragen vier Meter lange Flossen aus dem Rumpf“, erklärt er. „Hydraulik kippt sie blitzschnell gegen die Rollbewegung.“ Er grinst breit. „Ständiger Westwind plus wechselnde Böen. Gleich haben wir hier eine Waschmaschine im Schleudergang.“

Die Drakestraße ist der Türsteher der Antarktis. Wer hier durch will, zahlt mit Geduld, Respekt und dem Inhalt seines Magens. Aber der Preis lohnt sich.

Zwei Zügelpinguin-Küken schmiegen sich an den Elternvogel.
Anlandung auf schwarzer Lava

Zwei Tage später spuckt uns der Ozean aus. Die See beruhigt sich, Nebelschwaden heben sich wie Theatervorhänge und geben eine Insel frei, die aussieht wie aus einem Roman von Jules Verne: Greenwich Island. Schroffe, dunkelbraune Felsen ragen wie Warnfinger in den Himmel, umgeben von Gletschern, die im Dämmerlicht blau schimmern. Terra incognita in Reinform.

Wir steigen in die Zodiacs. Die kühle Luft beißt in den Wangen, während wir auf den schwarzen Strand von Barrientos Island zuhalten. Der Sand hier ist kein Sand, sondern zermahlene Lava - ein Erbe der feurigen Geburt dieser Inseln. Doch was diesen Ort so surreal macht, ist nicht die Geologie, sondern der Lärm.

Es müssen Tausende sein. Eine Kolonie aus Zügel- und Eselspinguinen hat den Strand übernommen. Die Szene gleicht einer überfüllten Kleinstadt zur Rushhour. Sie watscheln, drängeln, putzen sich und schreien vor allem. Der Lärm erinnert tatsächlich an Esel: ein heiseres Blöken, das die salzige Luft zerschneidet.

Dann fällt mein Blick auf einen unscheinbaren Vogel, der über der Kolonie kreist: die Küstenseeschwalbe. Meine Frau Annette und ich stehen staunend da, während über uns ein Tier fliegt, das eines der extremsten Leben der Erde führt. Dieser Vogel ist der ultimative Pendler. Er brütet in der Arktis und überwintert hier. Das heißt: zwei Sommer im Jahr. Ein einzelner Vogel legte einmal die Rekordstrecke von 96.000 Kilometern in einem Jahr zurück. Und das Verrückteste? Er schläft im Flug. Eine Hirnhälfte ruht, während die andere navigiert. Multitasking auf einem Niveau, von dem wir nur träumen können.

Eis aus gefrorenem Licht

Die SH Vega verholt nach Meusnier Point auf der Eurydice-Halbinsel. Die Landschaft hat hier etwas Außerweltliches, schön und bedrohlich zugleich. Gustav Jonsson Länne, unser Expeditionsleiter, steuert das Zodiac mit der Präzision eines Chirurgen durch ein Labyrinth aus treibendem Eis.

„Schaut nicht nur auf die Formen“, ruft er über den Lärm des Motors. „Achtet auf das Licht.“ Er drosselt den Außenborder. Stille senkt sich herab, unterbrochen nur vom Knacken des Eises, das klingt wie Schüsse in der Ferne.

Vor uns steigt ein Tafeleisberg aus dem Wasser, groß wie ein Häuserblock, aber mit der Eleganz einer modernen Skulptur. In seinen Rissen und Spalten leuchtet es. Kein Pigment, kein Trick, nur pures, elektrisches Blau. Ein Blau, das sich nicht malen lässt. Es wirkt unirdisch, fast künstlich, als hätte jemand Neonröhren ins Eis gelegt. Gustav erklärt, dass dieses Eis Tausende Jahre alt ist. Der Druck hat die Luftblasen herausgepresst, so dass nur noch das blaue Lichtspektrum zurückgeworfen wird. Wir sehen nicht auf Eis, wir sehen in die Zeit.

Zwei Orcas drehen sich eng umschlungen durch die antarktische See - ein seltener Anblick und ein typisches Paarungszeichen.
Meister des „Wave Washing“

„Wale voraus!“ Der Ruf von der Brücke löst eine Völkerwanderung an Bord aus. Alle stürzen an Deck, die Kameras im Anschlag. Ein riesiger Rücken durchbricht die Oberfläche, gefolgt von einem Blas, der wie eine Dampflok in die kalte Luft schießt. Buckelwale.

Meeresbiologin Anya Astafurova greift zum Mikrofon. Ihre Stimme zittert leicht vor Aufregung. „Für diese Tiere ist die Welt Klang“, erklärt sie. „Sie singen, stöhnen und rufen einander über die Ozeane hinweg.“ Die Riesen tauchen ab, ihre Fluken heben sich wie zum Abschied. Anya sagt trocken: „Whale done!“

Doch die eigentliche Show beginnt später. Kapitän Lubo meldet Orcas. Nicht einen, nicht zwei: eine ganze Schule. Wir zählen acht bis neun Tiere. Zwei von ihnen wirbeln im Wasser umeinander. Ein Kampf? „Nein“, erklärt Anya, „die paaren sich!“ Doch die Romanze währt kurz. Die Gruppe hat ein Ziel.

Orcas fressen Fische, Pinguine, Robben und sogar größere Wale. In der gesamten Antarktis leben nur etwa hundert von ihnen. Diese Tiere haben eine bemerkenswerte Jagdtechnik entwickelt: das Wave Washing. Sie schwimmen synchron, dicht beieinander, knapp unter der Wasseroberfläche auf eine Eisscholle zu. Die Welle, die sie erzeugen, spült die Beute ins Wasser. Bei Weddellrobben genügen etwa vier Wellen, bei den wehrhafteren Seeleoparden brauchen sie bis zu achtzehn.

Postkarten vom Ende der Welt

Port Lockroy liegt in einer Bucht von Wiencke Island wie eine vergessene Filmkulisse. Schwarze Felsen, weiße Gletscher und mittendrin: ein Gebäude in den Farben des britischen Empire. Der Union Jack flattert in dem Wind, der hier immer weht. Das ist „Base A“, einst geheime Militärstation, heute Museum und das südlichste kommerzielle Postamt der Welt.

Lou, eine des fünfköpfigen Stationsteams, kommt an Bord der SH Vega. Sie strahlt, doch man sieht ihr die Entbehrungen an. „Wir haben auf der Station kein fließendes Wasser“, sagt sie. „Keine Duschen. Wenn wir uns waschen wollen, müssen wir warten, bis ein Schiff wie eures vorbeikommt.“ Der Handel ist einfach: Sie hält einen Vortrag über das Leben am Ende der Welt, dafür darf sie unsere Duschen benutzen. Ein fairer Tausch für beide Seiten.

Nach Lous Vortrag treffe ich Aleksander „Sasha“ Borodin an der Reling. Der gebürtige Russe mit über 25 Jahren Polarerfahrung war mit britischen und russischen Expeditionen zu Fuß, auf Skiern und in Fahrzeugen hier unterwegs und hat die Antarktis auf einem Forschungsschiff umrundet.

„Wir suchen jetzt nach Eis, das 1,2 Millionen Jahre alt ist“, erzählt er mir. „Wir bohren in die Vergangenheit, um unsere Zukunft zu verstehen.“ Er schlägt den Kragen hoch. „Stell dir ein Land vor“, sagt er leise, „größer als Europa und Australien zusammen. Aber leerer als die Sahara. Es gibt nur einen Ort, auf den das zutrifft.“

Im Zweierkajak lässt sich die Natur der Antarktis besonders nah und intensiv erkunden.
Stille, Staunen, Demut

Es ist 22 Uhr, doch die Sonne weigert sich unterzugehen. Sie hängt knapp über dem Horizont und taucht die Welt in flüssiges Gold. Wir gleiten in den Lemaire-Kanal. Fotografen nennen ihn „Kodak Gap“. Man versteht sofort, warum.

An der engsten Stelle ist die Passage kaum 700 Meter breit. Links und rechts steigen schwarze Felswände bis zu tausend Meter senkrecht aus dem Wasser. Die See liegt so still, dass sie zum perfekten Spiegel wird. Oben ist unten. Berg ist Wasser. Die Grenzen verschwimmen. Wir fahren nicht auf dem Wasser, wir schweben durch ein Gemälde aus Eis und Fels.

Die Gletscher leuchten jetzt in Farben, für die es keine Namen gibt. Dunkelgelb, Orange, ein tiefes, fast schmerzhaftes Violett. Alisa, unsere Geologin, steht neben mir. Sie hat Gestein studiert, Jahrmillionen Geschichte. Doch jetzt, hier, rühren sie Tränen. „Ich könnte weinen“, flüstert sie. Und ich verstehe sie.

Wir gehen an Land. Festland. Der antarktische Kontinent. Wenn man hier steht und nach Süden blickt, ist da nichts mehr. Nur Eis. Bis zu 4,8 Kilometer dick. 90 Prozent des Eises der Erde liegen hier. Ein weißer Deckel auf dem Grund der Wirklichkeit. Und das alles unverändert seit 14 Millionen Jahren.

Die Antarktis ist ein Kontinent ohne Länder, ohne Grenzen, ohne Kriege. Hier endet die Welt der Menschen. Was bleibt, ist Stille. Ein Staunen, das einen sehr klein macht. Und eine Demut, die man mit nach Hause nimmt, lange nachdem das Eis vom Horizont verschwunden ist.

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ÜBER DEN Autor/Fotografen

Malte Clavin hat ein glühendes 'Entdecker-Gen'. Als Fotograf und Abenteuer- und Extrem-Autor fasziniert er sich für exotische, ferne und kaum bekannte Reiseziele. Seine fesselnden Geschichten sind in über 40 Publikationen erschienen, darunter National Geographic Traveler, GEO, DIE ZEIT, Spiegel und natürlich WideOyster Magazin. Als Speaker begeisterte er über 19.000 Menschen in 18 Ländern. Seine Themen sind Mut, Risiko und Mindset.

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