Auf dem Camino Real durch Panama

Der Dschungel, der ein Weltreich verschluckte

Folge WideOysters Lead Explorer Malte Clavin in Panamas dichten Regenwald, auf den vergessenen Camino Real. Was als zähe Schinderei beginnt, wird zu einer lebendigen Reise durch Geschichte, Schweiß und Staunen - entlang einer Route, auf der einst die Schätze der Konquistadoren transportiert wurden und die sich heute die unbändige Kraft der Natur zurückgeholt hat.

Text & Fotografie Malte Clavin

Lateinamerika › Panama

Es ist eine zähe Schinderei, aber jeden einzelnen Moment wert. Die Gedanken schwanken zwischen Flüchen und Entzücken. Acht Stunden lang kämpfen sich sieben Mitwandernde durch Panamas dichten Regenwald, geführt vom erfahrenen Guide und Machetenvirtuosen Molinar Torribio.

Genau hier wurden 1519 zum ersten Mal Maultiere mit Silberbarren, Gold und anderer Beute der Konquistadoren aus Peru beladen

„Genau hier wurden 1519 zum ersten Mal Maultiere mit Silberbarren, Gold und anderer Beute der Konquistadoren aus Peru beladen. Genau hier, in der Altstadt von Panama-Stadt - der ersten europäischen Siedlung am Pazifik - begann der Camino Real“, erklärt Christian Strassnig, dessen ausgestreckter Finger vom Platz vor uns nach Norden schwenkt, „und dort drüben, fünf Tage und neunzig Kilometer entfernt, in Portobelo an der Karibikküste, endete er. Dort wurden die Schätze auf Schiffe verladen, die dann nach Europa segelten.“

„Über 350 Jahre lang transportierten spanische Kolonisten vor allem Gold und Silber aus Südamerika über den schmalen Landstreifen zwischen Pazifik und Atlantik. Mit der Fertigstellung der Eisenbahn 1855 wurde der Camino Real überflüssig. Er wuchs zu und geriet in Vergessenheit - gut 150 Jahre lang. Erst 2008 entdeckte eine Expedition, an der ich teilnahm, die ursprüngliche Route wieder. Heute bietet dieses verborgene Kleinod abenteuerlustigen Wanderern eine einzigartige Reise in die Vergangenheit.“




„Das sind die Überreste des Camino Real, er war hier bis zu drei Meter breit. Die Randsteine sind noch gut zu erkennen, und genau hier habe ich Nägel, Sporen und Bruchstücke von Hufeisen gefunden - hier auf meiner Handfläche“



Das geschäftige Panama-Stadt hat die Reste des Camino Real längst verschluckt. Deshalb nehmen wir einen Bus zum Alajuela-See und steigen dort in ein Boot. Und wo ist nun der Camino? „Er liegt hier größtenteils unter Wasser. 1935 wurde der Alajuela-See als 50 Quadratkilometer großes Wasserreservoir für den Panamakanal und zur Stromgewinnung angelegt“, erklärt Christian.

Dieser Fischer im Alajuala-See präsentiert stolz seinen Fang: Einen Tilapia.

Das Boot gleitet langsam einen Seitenarm des Sees entlang. Schilf, Seerosen und andere Wasserpflanzen rücken näher. Wir scheuchen unzählige Wasservögel auf - Fischadler, Silberreiher, Fledermausfalken und Sonnenrallen -, die alle im flachen Wasser nach Fischen, Fröschen, Regenwürmern, Schnecken, Insekten und Krebstieren suchen.

Christian setzt uns ab und kehrt mit dem Boot zurück, um uns in einigen Tagen in Portobelo wieder aufzunehmen. Binnen weniger Minuten bricht die Dunkelheit herein; der Regenwald verschlingt uns.

Den wachen Augen von Alex, Molinar, Irvin und unserem Träger und Begleiter Eduviges de Leon entgeht wenig. Sie entdecken den prächtigen Falter Adelpha cytherea und die winzige Spinne Micrathena sagittata. Die kräftigen Farben dieses kaum einen Zentimeter großen Tieres dienen vermutlich dazu, Beute anzulocken, während die Dornen an ihrem Hinterleib der Verteidigung dienen.

Am folgenden Tag führt der Weg nach einer Stunde Gehzeit über karminroten Boden. Alex erklärt: „Das ist Sand von Blattschneiderameisen. Sie tragen ihn aus ihren tiefen, labyrinthischen Nestern, in denen bis zu zwei Millionen Ameisen leben.“ Immer wieder gerät jemand in Spinnennetze - auch in die besonders klebrigen. „Das war wohl eine Seidenspinne. Ihre Netze können zwei Meter Durchmesser erreichen, und die Seide ist reißfester als Nylon. Manchmal verfangen sich Kolibris und Jungvögel darin“, vermutet Alex.


Heute sind im Regenwald kaum noch Spuren des Camino zu finden. Die Steine sind verrutscht, überwachsen und liegen verschüttet


Jahrhundertelang begegneten Maultiertreiber und Soldaten derselben Naturgewalt und hörten dasselbe Spektrum an Geräuschen. Heute sind im Regenwald kaum noch Spuren des Camino zu finden. Die Steine sind verrutscht, überwachsen und liegen verschüttet. Auch das ist eine Erfahrung: Alles von Menschen Gemachte ist vergänglich.

Der letzte Tag unserer Wanderung folgt dem Rio Cascajal. Nach sechs Stunden erreichen wir eine Hauptstraße, wo uns ein Bus zum Endpunkt des Camino Real bringt - die Bucht von Portobelo, 1502 von Kolumbus entdeckt. Hier luden spanische Schiffe die auf dem Camino herbeigeschafften Schätze und segelten damit nach Europa.

Unsere Kleidung klebt am Körper. Alle bewegen sich schweigend und schwitzend, einzig auf den nächsten Schritt konzentriert

Nun sitzen wir - frisch geduscht und mit einem kühlen Bier in der Hand - auf der Hotelterrasse und blicken über die Bucht von Portobelo. Im Rückblick erscheinen die Strapazen der viertägigen Wanderung vom Pazifik zum Atlantik kaum noch so zermürbend, wie sie sich einst anfühlten.

Wandere den Camino Real mit CulTour

CulTour ist auf kulturhistorische Touren spezialisiert und bietet mehrtägige Wanderungen entlang des Camino Real an. Ein besonderer Vorzug ist die Expertise von Christian Strassnig, der den historischen Weg jahrelang erforscht hat und sein Wissen als Fachführer an Reisende weitergibt. Die Programme verbinden geführte Wanderungen mit fundierten Erläuterungen zur Geschichte der Handelsroute und individuell abgestimmten Pausen.

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ÜBER DEN Autor/Fotografen

Malte Clavin hat ein glühendes 'Entdecker-Gen'. Als Fotograf und Abenteuer- und Extrem-Autor fasziniert er sich für exotische, ferne und kaum bekannte Reiseziele. Seine fesselnden Geschichten sind in über 40 Publikationen erschienen, darunter National Geographic Traveler, GEO, DIE ZEIT, Spiegel und natürlich WideOyster Magazin. Als Speaker begeisterte er über 19.000 Menschen in 18 Ländern. Seine Themen sind Mut, Risiko und Mindset.

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