Im rauen Norden Chiles, wo die Anden den Himmel zu berühren scheinen, liegt das abgelegene und wenig bekannte Santuario de la Naturaleza Río Sasso, ein Schutzgebiet in der chilenischen Region Coquimbo. Als die ersten Sonnenstrahlen die eisige Kälte der Nacht vertreiben, erwache ich in meinem Zelt. Ich genieße die Stille in dieser unberührten Landschaft.
Endlose Felsformationen und der Sasso-Fluss in deren Mitte bringen Leben in dieses Tal. Dies ist das Reich der Trashumantes, nomadischer Hirten, die seit Generationen dem Rhythmus der Natur folgen. Unser Gastgeber, Oscar Gervacio, ist einer der dieser letzten Trashumantes. Er wartet bereits an der Tür seiner provisorischen Hütte.
Mit einem beruhigenden Lächeln lädt er mich ein, ihm Gesellschaft zu leisten.
Die ersten Schritte außerhalb der Hütte fühlen sich an wie ein Sprung in die Vergangenheit. Die Luft ist kühl und frisch, der Geruch des Viehs allgegenwärtig. Die einzigen Geräusche sind das leise Blöken der Ziegen, das Kreischen eines Geiers und das rhythmische Rascheln des Windes im Gebüsch. Während wir in die Berge fahren, erzählt mir Oscar von seinem Leben. Es ist ganz der Pflege seiner Herde gewidmet: dreihundert Ziegen, siebzig Schafe, drei Maultiere, zwei Pferde, fünf Hunde und eine Kuh. Und die Katze Murango.
Oscar erzählte mir vom Frieden, den er in den Bergen findet. „Nirgendwo findest du so viel Frieden wie hier“, sagte er. Mit einem kurzen Pfiff setzt Oscar alle Tiere in Bewegung, bereit zum Melken. Alle dreihundert Tiere. Jeden Tag. Ganz zu schweigen von den Schafen und der Kuh. Das muss man wollen.
Und Oscar will genau das. „Mein Großvater und mein Vater haben das schon gemacht. Ich bin der einzige meiner Brüder, der so arbeitet. Vielleicht muss man ein bisschen verrückt sein, um das zu wollen“, lacht er mit funkelnden Augen.
Wir wandern durch das langgezogene Tal, umgeben von fast fünftausend Meter hohen Gipfeln. Unsere halbstündige Wanderung fühlt sich für mich wie ein Marathon an. Sauerstoff ist knapp. Und entscheidend. Das ist meine heutige Lektion. Die Aussicht vom höchsten Punkt, der die Grenze zwischen Argentinien und Chile bildet, ist unendlich. Ein perfekter Drehort für Szenen auf einem anderen, unbewohnten und nicht so freundlichen Planeten.
Weiter unten im Tal, zwischen den Schilfgürteln am Ufer des Sasso, sehe ich einen weißen Reiher. Er öffnet seinen Schnabel, in dem er eine Eidechse festhält. Sie tritt ihre letzte Reise an und fällt in seinen Rachen. Fressen oder gefressen werden – der ewige Kreislauf des Lebens.
Obwohl wir Menschen fast immer an der Spitze der Nahrungskette stehen, können wir hier auch mal auf einer Speisekarte landen. Oscar erzählt mir von den Gefahren, die in den Bergen lauern. Da wäre der Puma. Manchmal sieht er welche in der Ferne schleichen.
„Sie sind immer da“, sagt er mit einem wissenden Blick. „Wir sehen sie fast nie. Aber sie sehen uns immer. Nicht, dass sie uns wirklich jagen würden, es ist eher umgekehrt. Wenn man hier nicht aufpasst, kann ein Fehltritt das Ende bedeuten. Wenn ich mir an einer abgelegenen Stelle den Knöchel breche und nicht mehr laufen kann, werde ich dort sterben. Dann könnte der Puma seine Chance ergreifen. Oder die Geier.“
Die Ruhe in den Bergen ist überwältigend. Hier gibt es keinen Platz für Eile oder Ablenkung. Oscar zeigt auf die Stellen, an denen er im Laufe der Jahre Pumas gesehen hat. „Sie sind territorial“, sagt er, „und es gibt viele.“
Mir wird klar, dass jeder Schritt, den Oscar macht, ein Echo seiner Vorfahren ist. Sie sind die gleichen Wege gegangen und haben genauso gefühlt. Nomadische Hirtengesellschaften, wie die Trashumantes in der Region Coquimbo, haben eine lange und reiche Geschichte. Diese ist eng mit den geografischen und klimatischen Gegebenheiten der Anden verbunden. Diese halbnomadischen Hirten haben über Jahrhunderte Vieh gehütet – je nach Jahreszeit und Verfügbarkeit von Nahrung Ziegen, Schafe oder Rinder.
Der Ursprung der nomadischen Hirtengemeinschaften in Chile geht auf die präkolumbianische Zeit, also vor Ankunft der Spanier, zurück. Die indigenen Gruppen der Anden, wie die Diaguita und andere Stämme, lebten weitgehend von Landwirtschaft und Viehzucht. Vor der Ankunft der Spanier setzten sie Lamas und Alpakas als Nutztiere ein.
Um je nach Saison genug Wasser und Weideland für ihre Tiere zu finden, mussten sie weiterziehen. Dies und das trockene Klima in Coquimbo führte zur halbnomadischen Lebensweise.
Trashumancia. Das Wort stammt aus dem Spanischen. Es bedeutet ‚das Vieh je nach Jahreszeit von einer Weide zur anderen treiben‘. „Im Winter wandern wir mit unseren Herden in den tieferen Tälern. Dann wächst dort mehr Gras. Im Sommer zieht es uns in die hohen Berge. Das kühlere Klima und das Schmelzwasser schaffen dort fruchtbare Weiden“, erklärt Oscar.
Während der spanischen Kolonisierung im 16. und 17. Jahrhundert wurden europäische Bräuche in der Region eingeführt. Die spanischen Kolonisten brachten Ziegen, Schafe, Rinder und Pferde mit. Das veränderte die traditionelle Viehzucht.
Auch das zwanzigste Jahrhundert beeinträchtigte die traditionelle Lebensweise der Trashumantes. Entwicklungen im Bergbaus, in der Landwirtschaft und im Klima führten zu einem Rückgang der halbnomadischen Hirten. Viele Gemeinschaften wurden sesshaft. Entweder beugten sie sich dem wirtschaftlichen Druck oder sie nutzten staatliche Programme zur Modernisierung der Landbewirtschaftung.
Einige Gemeinden hielten jedoch an ihrer traditionellen Lebensweise fest, insbesondere in den abgelegenen Berggebieten. Dort ziehen die Hirten in den Sommermonaten auf höher gelegene Almen und kehren im Winter in tiefe Täler zurück.
Heutzutage wird die Lebensweise der Trashumantes von einer kleinen Gruppe von Hirten aufrechterhalten. Obwohl die wirtschaftliche Bedeutung ihrer Lebensweise abgenommen hat, haben Tourismus und insbesondere Ökotourismus neue Einnahmequellen und Möglichkeiten der Kulturerhaltung geschaffen.
Das ist auch ein wichtiger Grund für Glenda Araya und ihren Mann Gonzalo Cortesom, beide Ende fünfzig. Seit vierzig Jahren leben sie als Trashumantes, näher an Gott und der Natur, wie sie selbst sagen. Sie sprechen liebevoll von ihren drei Kindern, die sie im Einklang mit der Natur erzogen haben. „Die Natur spricht zu dir“, sagt Glenda. „Die Stille hier ist heilig.“
Glenda ist glücklich über meinen Besuch. Sie hofft, dass meine Geschichten der Welt zeigen, dass diese Lebensweise noch existiert. Vielleicht mögen sie eine neue Generation inspirieren, zu den Grundlagen, zur Natur zurückzukehren. „Unser kulturelles und historisches Erbe wird heute als wichtiger Teil der Identität dieser Region anerkannt“, sagt Glenda. „Wir wollen diese Lebensweise bewahren und schützen. Wir sind stolz darauf, wer wir sind und woher wir kommen. Wenn das verschwindet, geht Kultur verloren, die Tausende von Jahren überdauerte. Die Natur hat uns so viel zu bieten. Wir müssen lernen zuzuhören.“
Zurück auf der Farm bringt Oscar mir bei, wie man Käse herstellt. Den stellt Oscar mit all der Ziegenmilch her. Und es ist einfach. Der Geruch von frisch geronnener Milch erfüllt die Hütte, während Oscar die Milch in Formen presst – ein Prozess, den er seit seiner Kindheit praktiziert.
„Manchmal kommen Leute aus dem Dorf herauf, um bei mir Käse zu kaufen. Ansonsten bringe ich das, was ich produziert habe, ins Tal. Meistens wenn die Saison hier im Hochgebirge vorbei ist“, sagt Oscar. Der Geschmack des leicht bröckeligen Käses ist frisch und intensiv. Er erzählt die Geschichte des Landes, seiner Tiere und der Menschen, die hier seit Jahrhunderten leben.
Jede Begegnung im Sassotal vertieft mein Verständnis für die Trashumantes und ihre unverbrüchliche Verbundenheit mit dieser rauen, ungezähmten Welt. Trotz aller modernen Herausforderungen halten sie an ihren Traditionen fest – mit rührender Entschlossenheit. Oscars Leben ist ein Zeugnis für diese Widerstandsfähigkeit. „Es ist ein hartes Leben“, sagt er und blickt über das weite Tal hinaus. „Aber es ist auch ein Leben voller Freiheit. Ich genieße jeden Tag die Leere, den Frieden und die Weite. Ich würde es nicht anders haben wollen.“
Als ich am nächsten Morgen aus meinem Zelt krabble, begrüßen mich Murango und Ajo, der Hund. Sie umspielen meine Beine, während ich die Ufer des Sasso tiefer erkunde. Es ist still. Wirklich still. Ohrenbetäubend still. Als die ersten Sonnenstrahlen wieder ihre sengende Hitze über die Berge strecken, denke ich an Glendas Worte: „Die Natur spricht zu dir. Wenn du zuhören willst.“ Ich beobachte die Verspieltheit von Murango und Ajo. Ich höre das leise Flüstern der Berge. Mit jedem Windhauch dort küsst dich die Seele der Anden.
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