Es raschelt im Unterholz. Zwischen den Stämmen schimmert etwas Helles, zu groß für ein Reh, zu blass für alles, was hierher gehört. Dann tritt er heraus, keine dreißig Meter entfernt: ein Elchbulle, strahlend weiß bis in die Hufe, mit mächtigem Geweih. Er hebt den Kopf, prüft die Luft, verharrt. Dann dreht er sich weg und verschmilzt mit dem Wald, lautlos.
Begonnen hat alles Stunden zuvor, bei Lilyrose Meyers, 75. Andächtig streicht sie über das raue Holz einer Blockhütte von 1868. „In so einem Haus habe ich die ersten zehn Jahre gelebt, die meiste Zeit bei meiner Großmutter. Von ihr lernte ich die Perlenstickerei“, sagt sie. Vor fünfeinhalb Jahren wurde sie gefragt, ob sie hier als Wissenshüterin, als Knowledge Holder, ihr Wissen weitergeben wolle.
Lilyrose ist das Herz von Métis Crossing, dem ersten großen Métis-Kulturzentrum Kanadas, anderthalb Autostunden nordöstlich von Edmonton. Die Métis sind Nachfahren europäischer Pelzhändler und indigener Frauen; ihre Vorfahren jagten Biber, Nerz und Bison, und die Felle reisten als Hüte nach London und Paris.
Von der Büffeljagd ihrer Ahnen erzählt Lilyrose mit leisem Stolz. „Wir hatten strenge Gesetze. Wer vorpreschte, dem schnitt man beim ersten Mal Sattel und Zaumzeug durch.“ Für einen berittenen Jäger eine Degradierung, an Ehre und Besitz zugleich.
Eine Viertelstunde weiter, auf einer umzäunten Weide groß wie mehrere Fußballfelder, stehen sie dann da: Bisons, massige Leiber in zotteligem Fell, schwer behörnt. Bis zu tausend Kilogramm bringt ein Bulle auf die Waage, allein der Kopf an die dreißig.
Wenige Kilometer weiter öffnet Lilyrose ein quietschendes Metalltor. Dahinter grasen etwa siebzehn weiße Bisons, cremefarben in der Sonne, eine Rarität. Denn nur eines von zehn Millionen Kälbern kommt weiß zur Welt.
Für viele indigene Völker ist dieses Tier das heiligste überhaupt. In der Weltsicht der Cree verkörpert der weiße Bison Wahkohtowin, die Verbundenheit allen Lebens.
Im Juli 2024 erreichte eine vom Blitz ausgelöste Feuerwalze die Stadt Jasper und setzte sie in Flammen. Rund 25.000 Menschen flohen gen Westen. Es war das größte Feuer im Nationalpark seit hundert Jahren und hinterließ Tausende abgebrannte Baumstämme. Und das soll man sich anschauen? Oh ja.
„Es fühlt sich an, als hätte ich einen Röntgenblick“, sagt Waldführer Nic Gosselin und lässt den Blick über den Boden wandern. „Ich sehe Dinge, die ich vorher nie gesehen habe.“ Er zeigt auf Rücken und Senken, die der dichte Wald sonst verschluckt; auf schmale Pfade, die das Wild über Jahre getreten hat. Ein Reh am Gegenhang, das im grünen Dickicht unsichtbar geblieben wäre, reckt den Kopf.
Nic hebt zwei Kiefernzapfen auf, einen geschlossen, einen aufgesprungen. „Die Drehkiefer versiegelt ihre Zapfen mit Harz“, sagt er. „Erst die Gluthitze eines Feuers sprengt sie auf und streut die Samen auf den Boden.“ Solche bestandserneuernden Großbrände gehören zum natürlichen Kreislauf; Fachleute schätzen, dass sie sich hier etwa alle ein bis drei Jahrhunderte wiederholen.
Zwischen den verkohlten Stämmen steht schon hüfthohes Grün, dazwischen leuchtet violett das Weidenröschen, das hier Fireweed heißt.
Nic reckt den Finger in die Luft und horcht. „Seit dieser Woche zirpen auch die Grashüpfer wieder“, sagt er und nickt mir lächelnd zu. „Hier kannst Du sehen, wie ein Wald von vorn beginnt. Jede Woche etwas Neues.“
Die Rat’s Nest Cave unter dem Grotto Mountain bei Canmore zählt zu den längsten Höhlen Kanadas, über vier Kilometer erforschter Gang.
Nach einer Stunde Wanderung klafft im Fels ein unscheinbarer Schlund: Der Einstieg. Wir streifen Overalls und Helme über, schalten die Stirnlampen ein, das Tageslicht bleibt zurück.
Gleich hinter dem Eingang seilen wir uns ab, Höhlenführerin Annie Hewitt voran, cave buddy Bruce Marpole hinterher. Von nun an gibt es kein Licht mehr, nur die Lampenkegel.
Wenige Meter weiter liegt eine Grube voller Knochen. Über 7.000 Jahre zählen die ältesten; mehr als dreißig Säugetierarten haben Forscher hier bestimmt, Wolf und Schwarzbär, Luchs und Vielfraß, hinabgestürzt und über Jahrtausende liegen geblieben. Der Berg vergisst nichts.
Dann weitet sich der Gang zur Grand Gallery, dem größten Saal der Höhle. Von Enge keine Spur - hier atmet der Berg.
Hier unten, in der ältesten verborgenen Schicht dieses Landes, kehrt der weiße Elch vom ersten Morgen zurück ins Gedächtnis. Alberta ist berühmt für seine Weite und hält doch das Beste dicht unter der Oberfläche verborgen - für den, der hinabsteigt, geduldig wartet, lange genug hinsieht.
Als wir den Schlund wieder verlassen, trifft uns das Tageslicht wie ein Schlag, grell und warm zugleich. Alles sieht aus wie zuvor: Berge, Wald, Pfad. Doch jetzt ist klar, was darunterliegt. Und dass der weiße Elch am Waldrand eine Laune des Zufalls war - und eine Einladung, genau hinzusehen.
Weiße Büffel, ein Wald, der nach dem Feuer von vorn beginnt, und eine Höhle, die nichts vergisst: Alberta zeigt seine besten Geschichten denen, die genau hinsehen. Auf der offiziellen Website von Travel Alberta findest du Reiseideen von den Rocky Mountains bis in die Prärie, indigene Erlebnisse wie Métis Crossing, praktische Tipps zu Anreise und Jahreszeiten sowie Routen für deinen eigenen Roadtrip durch Kanadas wilden Westen. Plane jetzt dein Alberta-Abenteuer.
Drei Orte, drei Zugänge unter die Oberfläche.
Hier, tief im Osten von British Columbia, muss man alles mit dem Helikopter erreichen. Eben hat mich einer in zwanzig Minuten zur Cariboos Lodge auf 1.100 Meter Höhe gebracht. Ringsum nun 7.000 Quadratkilometer Hochgebirge, mehr als 500 Gletscher, kein Weg, kein Haus, kein Mensch - außer der Lodge.
Bequem gedacht war das nie. Der Österreicher Hans Gmoser startete 1965 in den Bugaboos das weltweit erste kommerzielle Heli-Skiing. Sobald der Schnee schmolz, standen seine Lodges leer. Im Sommer 1978 hoben hier die ersten Wanderer ab, heute über 3.000 jährlich.
„Wir können Menschen dieses Erlebnis ermöglichen, die sonst körperlich nicht dazu in der Lage wären“, sagt Guide Fridjon Thorleifsson. Wer horizontal noch gehen kann, mit der Vertikalen aber Schwierigkeiten hat, für den übernimmt der Helikopter die Arbeit.
Am Morgen darauf stehe ich am Rand des North Canoe Glacier. Rosarote Schlieren durchziehen die Mulden im zerfurchten Eis. Es sind Schneealgen, die den Firn zartrosa bis karminrot färben. Dann rumpelt es, tief und trocken, wie ein Gewitter im Berg. Es geht in ein Rauschen über, das nicht abreißen will: Eis bricht am Gletscher ab und fällt talwärts. Der Klang füllt das Kar und steht mir noch ein paar Minuten im Bauch.
Kurz darauf läuft ein Weißschwanz-Schneehuhn über den Schotter, die Flügel schleifend, als sei es verletzt. Ein Ablenkungsmanöver: So lockt die Henne Angreifer von ihren Küken fort.
Tags drauf. Die Sonne steht über den Cariboo Mountains, kein Wölkchen weit und breit. Erich Unterberger sagt: „Regenzeug anziehen. Hose, Jacke, alles.“ Niemand widerspricht ihm. Erich kam 1987 aus Österreich hierher und geht auf seine neununddreißigste Wintersaison zu. Eine Stunde später zeigt der Zillmer Canyon, warum Erich auf dem Regenzeug bestanden hat. Ein gletschergespeister Wasserfall hat sich hier eine Klamm in den Granit gesägt, und der Klettersteig führt mitten hinein. Eisensprossen im Fels, Drahtseil daneben, Helm auf, zwei Karabiner am Gurt. Wir hängen uns ein und sind von diesem Moment an eine Seilschaft. Der Aufstieg beginnt.
Nach der ersten Kehre kippt die Welt. Der Fels wird nass, dann glatt, dann laut. Weiße Fahnen Schmelzwasser peitschen gegen die Wand, die Gischt steht waagerecht in der Luft und lässt keine Stelle am Körper trocken. Ich presse mich an den rötlich gemusterten Granit, greife die nächste Sprosse, setze den Fuß, hänge um. Sprosse, Fuß, Karabiner. Sprosse, Fuß, Karabiner. In diesen Kampf der Elemente will ich mich nicht einmischen, nur ab und zu demütig innehalten, staunen, ein Bild machen und dann weitersteigen. Zudem ist Reden zwecklos, der Wasserfall schluckt jedes Wort.
Nur einmal, auf der Stahlseiltraverse über dem Schlund, dreht Erich sich um und lacht. Und dort, wo die Gischt auf Sonne trifft, spannt sich ein Regenbogen quer durch die Schlucht. Dann, oben auf dem Felsband, hört es auf. Der Lärm bleibt unter uns liegen. Vor uns öffnet sich ein Tal wie ausgeschnitten: grüne Wiesen, ein silbernes Flussband, dunkles Nadelgehölz, dahinter graue Grate mit letzten Schneefeldern. Wir wandern weiter. Und höher.
Am Nachmittag warten wir auf den Helikopter, mehr als sieben Stunden nach dem Einstieg, tausend Höhenmeter weiter, noch immer weit unterhalb des Mount Zillmer. Erich wird nachdenklich. „Hier sieht man kein Zeichen von Zivilisation“, sagt er und schaut ins Tal. „In dieser riesigen Landschaft allein zu sein und seinen Frieden zu haben. Ich denke wirklich, das ist eine andere Welt.“
In Alberta lag das Beste dicht unter der Oberfläche verborgen, und ich musste hinabsteigen, um es zu sehen. Hier oben aber liegt alles offen. Den Aufstieg nimmt der Helikopter ab, nicht aber den Kampf der Elemente, die Nässe, die Atemlosigkeit, den Kraftakt Sprosse um Sprosse. Und auch nicht die Demut. Sie erfasst wohl jeden, der hier oben steht und, wohin er auch schaut, nur eines sieht: wilde, unberührte Natur.
Die Cariboos Lodge auf 1.100 Metern erreicht man als Gast nur mit dem Helikopter. Genau das war die Idee von Hans Gmoser, der das kommerzielle Heli-Skiing erfand und seine Lodges im Sommer nicht leer stehen lassen wollte. Heute fliegt CMH seine Gäste hinauf auf Grate, über Gletscher und in den Klettersteig des Zillmer Canyon - auch jene, die sonst nie dort hinaufkämen. Den Aufstieg schenkt dir der Helikopter. Das Staunen musst du selbst mitbringen.
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