Katalanische Ski-Safari

Höhen der Seele

Von den windgepeitschten Höhen von Vallter über die klösterliche Stille von Núria bis zum alpinen Genuss von La Molina - die östlichen Pyrenäen bieten eine raue, spirituelle und herrlich erdige Alternative zu den Alpen.

TEXT: Marco Barneveld

FOTOGRAFIE: Frits Meyst

Magazine › Katalonien Pyrenäen Special

Da lebt eine besondere Art von Magie - dort, am Ende der Straße im Ter-Tal. Wir kamen mit dem Optimismus derer in Vallter an, die auf einen Blick auf den legendären Torbe hoffen. Nun musst du wissen: In den Alpen gibt es „Lüftchen“, aber in den östlichen Pyrenäen gibt es - in seltenen Fällen - einen lokalen Blizzard, der nicht nur weht, sondern singt. Dieser mächtige Wind verwandelt die Welt für einen Moment in ein horizontales White-out – ein eindrucksvolles Naturschauspiel, das unsere Erwartungen übertraf.

Die Geografie hier ist ein wunderschönes, dramatisches Wunder: Denn Vallter liegt in einem Gletscherkessel, einem natürlichen Amphitheater, einem Paradies für Skifahrer. Da es so nah am Mittelmeer liegt, kann der Luftdruck manchmal plötzlich wechseln. Am Tag, als wir ankamen, standen die Lifte still, gebändigt von heftigen Böen. Das ist die Realität der hohen Berge. Sie folgen eben ihrem eigenen Rhythmus, und deine Reisepläne wehen dann genau so schnell fort wie die Böen.

Aber inmitten dieses gelegentlichen elementaren Dramas gibt es eine ruhige Hand. Ich traf Patricia Torres, die Direktorin von Vallter. Sie ist die erste weibliche Skigebietsdirektorin in der Geschichte Kataloniens. Wenn du sie triffst, bekommst du das Gefühl, dass der Torbe wie ein alter Freund ist.

„Der Wind ist einfach ein Charakterzug des Berges“, sagt Patricia, während sie auf die wirbelnden weißen Gipfel hinausblickt. „Dagegen kämpfst du nicht an. Das respektierst du. Du wartest also, bis der Berg sich entscheidet, dich aufzunehmen. Und dann gibt er dir alles, was er hat.“

Vallter ist ein geografisches Wunder. An einem klaren Tag kannst du von der Spitze des Sessellifts das Mittelmeer. Es ist ein atemberaubender Kontrast: das Salz des Meeres fast in Reichweite - und vor dir gefrorenes Geröll. In der Basislodge tauschen wir Skier gegen starken Kaffee. Wir beobachten, wie der Schnee in hektischen, gezackten Linien gegen die Fenster tanzt. Das sind die Pyrenäen. Rau, authentisch, herrlich!

Tal der neun Kreuze

Wenn Vallter das Adrenalin ist, ist Vall de Núria der Altar. Um hierher zu kommen, musst du die Cremallera nehmen, die Zahnradbahn. Sie kriecht den Berghang - es ist eine Zeitlupen-Flucht aus der modernen Welt. Während der Zug steigt, verblasst Lärm der Welt. Keine Autos, keine Abgase mehr.

Guide Joan Cano ist ein Mann der Berge. Einer, der die Sprache der Gipfel spricht. Mit ihm ziehen wir in Schneeschuhen durch das Tal der neun Kreuze, einer Landschaft wie eine Kathedrale aus Granit und Eis. Jedes Kreuz markiert eine Station des Kreuzwegs - eine Erinnerung daran, dass dies jahrhundertelang ein Pilgerort war, bevor der Sport die Herrschaft übernahm.

Joan spricht nicht nur über Schneedecken oder Wanderkarten; er redet von Geistern. Er zeigt auf den massiven, düster drohenden Buckel des Puigmal. Mit 2.913 Metern ist er der unbestrittene König der östlichen Pyrenäen - ein schlafender Riese, der die Grenze zwischen Spanien und Frankreich überspannt.

„Die Gipfel hier haben ein langes Gedächtnis“, sagt Juan. Er stützt sich auf seine Stöcke. „Sie beobachten die Gierigen und belohnen die Demütigen. Wenn du hierherkommst, um eine Trophäe zu holen, schickt dich der Puigmal mit leeren Händen nach Hause. Aber wenn du mit stillem Herzen kommst, dann teilt der Geist des Berges vielleicht seine Geheimnisse mit dir.“

Joan erzählt uns die Geschichte eines gierigen Jägers. Der Berggeist des Puigmal bot dem Mann Käse an, reich und lebenserhaltend - aber der Jäger müsse sich zurückhalten. Doch dieser, getrieben vom leeren Bauch und kleiner Seele, aß alles auf. Berge vergessen Gier nicht. Trotz größtem Bemühens konnte der Jäger nichts erlegen. Man sagt, er sei irgendwann verhungert. Wenn du dann zu den Gipfeln aufblickst, zweifelst du keine Sekunde an dieser Geschichte. Die Pyrenäen können dich rasch klein und demütig fühlen lassen.

Topf, Glocke und ein Geheimnis

Das Heiligtum in Núria ist ein Ort aus schwerem Stein und schwererer Geschichte. Seit dem 11. Jahrhundert kommen Pilger hierher, um Fruchtbarkeit oder Glück zu suchen. Es gibt eine Tradition mit bronzenen Kochtopf und einer Glocke. Ich tat, was erforderlich war: Ich steckte meinen Kopf in den Topf und läutete die Glocke.

Der Klang lässt deinen Schädel vibrieren. Es ist ein metallisches Summen, das die geistigen Spinnweben beseitigt und deinen Kopf minutenlang klingeln lässt. Der Legende nach äußerst du einen Wunsch, während die Glocke läutet. Das tat ich. Ich kann dir nicht sagen, was es war, denn die Geister des Puigmal hören immer zu, und ich habe keine Lust, das einzige bisschen Glück zu verhexen, das mir noch geblieben ist.

Two people snowshoeing in the Pyrenees of Catalonia, enjoying a winter ski safari with stunning mountain views and clear blue skies.
Das hohe Nest von La Molina

Die letzte Etappe unseres Roadtrips führte uns nach La Molina. Wenn Vallter die wilde Grenze ist und Núria das Kloster, dann ist La Molina die große alte Dame. Oder der Elder Statesman des spanischen Skisports. Auf jeden Fall Heimat des ersten Skilifts des Landes, 1943 erbaut. Es wirkt größer, geschäftiger und mehr „Resort“ als die anderen - und hat seine Zähne nicht verloren.

Die Verbindung zwischen den Bergen und dem Meer spüre ich hier noch deutlicher. Die Geschichte dringt sich hier förmlich auf: alte Steinchalets mischen sich mit modernem Glas. Aber wir waren nicht wegen der Architektur dort - sondern wegen des Gipfels.

So machen wir uns also auf zum Refugi Niu de l'Àliga, dem Adlernest. Auf 2.537 Metern auf der Spitze des Tosa d'Alp gelegen, bietet die Hütte einen panoramischen Schlag in die Magengrube. Im Norden siehst du das weite, sonnendurchflutete Cerdanya-Tal, im Süden die zerklüfteten Kalksteinwände der Cadí-Moixeró-Kette und die sanften Hügel des Berguedà. Und an einem Tag wie diesem - mit der Sonne, die auf alle Gipfel zu treffen scheint - da fühlt es sich an, als stündest du auf dem Rückgrat der Welt.


Auf 2.537 Metern auf der Spitze des Tosa d'Alp gelegen, bietet das Refugi Niu de l'Àliga einen panoramischen Schlag in die Magengrube


Wir haben hier nicht einfach gegessen; wir hatten eine spirituell-gustatorische Erfahrung: Höhen-Gastronomie ist hier gleich schlaffe Pommes plus durchweichte Sandwiches. Hier oben herrscht Trinxat, ein herrliches und bescheidenes Püree aus Kohl, Kartoffeln und fettem Schweinebauch. Man brät es, bis die Kruste einem verbrannten Sonnenuntergang ähnelt. Es ist ein Bauernmahl, zum Göttlichen veredelt.

Dann schlemmen wir noch lokale Würste, Botifarra, in denen wir Rosmarin, Knoblauch und Holzrauch erkennen. Das spülen wir mit einem kräftigen Rotwein aus der DO Empordà hinunter, einer Weinregion, deren Reben gegen dieselben Winde ankämpfen müssen, die wir aus Vallter kennen. Das Mahle schließen wir mit einem Glas Ratafía, einem aufgespriteten lokalen Schatz, der mich überrollt wie ein Güterzug aus Trockenfrüchten, Nüssen und alter Eiche.

A man walks across a stone bridge towards the ancient village of Beget in the Pyrenees, part of a winter ski safari experience.
Geist des Ostens

Ich fahre zurück zur Küste. Was bleibt, ist der Kontrast: Innerhalb weniger Stunden gehst du von den subalpinen Schatten des Vall de les Nou Creus hinein in die salzige Luft der Costa Brava - von der Stille eines 2.900 Meter hohen Gipfels mittenrein in den Trubel eines mediterranen Dorfes.


Die östlichen Pyrenäen sind katalanisch bis auf die Knochen: stur, stolz und tief verwurzelt in einer Geschichte von Mönchen, Schmugglern und Bergmännern


Die östlichen Pyrenäen sind katalanisch bis auf die Knochen: stur, stolz und tief verwurzelt in einer Geschichte von Mönchen, Schmugglern und Bergmännern. Sie bieten einen Winter, der weniger mit den Modenschauen der Alpen zu tun hat sondern tiefer in die Seele eines echten Berges blicken lässt. Ob du nun Glocken läutest mit dem Kopf in einem Topf, einem Sturm in Vallter ins Auge blickst oder gebratenen Schweinebauch im Adlernest isst - hier fährst du nicht nur Ski - es wird dir hier gestattet, etwas Uraltes zu betreten.

Und wenn dir ein Berggeist Käse anbietet? Dann lass um Gottes willen auch etwas für den nächsten übrig!

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ÜBER DEN AUTOR

Marco Barneveld schreibt seit 2004 Reiseberichte für Magazine wie National Geographic Traveler, Lonely Planet, Sidetracked (Großbritannien), Newsweek (USA) und Explore (Kanada). „Ich möchte die Menschen dazu inspirieren, unseren wunderbaren Planeten zu genießen“, sagt er. Sein Ziel: motivieren und Fernweh wecken. Er hat einen Hintergrund in Werbung und globaler PR. Er war Chefredakteur von Wintersport Magazin, B-Magazin und MAN. Er ist der Gründer von WideOyster.

ÜBER DEN FOTOGRAFEN

Seit 25 Jahren reist Frits Meyst um die Welt – immer auf der Suche nach unbekannten Kulturen, abgelegenen Orten und großen Abenteuern. „Ich will meine Leser dazu inspirieren, zu reisen, die Komfortzone zu verlassen und in fremde Kulturen einzutauchen“, sagt er. Seine Reportagen erscheinen unter anderem in National Geographic Traveler, Time Magazine, New York Times, The Guardian, ANWB Reizen Magazine, Kampioen, Op Pad und im WideOyster Magazine.

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