Kolarbyn Öko-Lodge

Die Köhler von Västmanland

Mittelschweden ist ein Paradies für Naturliebhaber. Weite Wälder, lodernde Feuer, Schwimmen in Seen, Leben auf dem Bauernhof und bewegte Geschichte. Die Provinz Västmanland solltest du dir vormerken für deine nächste Reise. Wir lassen uns ein auf ein Abenteuer in diesem herrlich entspannten Stück von Schweden.

TEXT: Marco Barneveld

FOTOGRAFIE: Frits Meyst

Magazine › Ausgabe #15 2021
Die Axt spaltet den Birkenholzblock genau in zwei Hälften. Der Duft mit einem Hauch von Harz durchzieht die frische Waldluft. Ich hebe eines der beiden Stücke auf und lege es zurück auf den Hackklotz. Als ich genug Holz gehackt habe, gehe ich zur Feuerstelle und lege die kleineren Stücke zusammen. Mit der Spitze meines Messers rupfe ich Streifen der Birkenrinde ab. Die weiße Borke ist voller Öl und daher leicht entflammbar. Ich lege die Streifen in die Lücken zwischen den Holzscheiten. Ich reibe den Zunder aneinander. Funken sprühen. Zwei Funken landen auf der Rinde. Ich puste vorsichtig, und trara, Feuer. Es dauert nicht lange, bis ich auch die größeren Scheite entflamme. Darauf stelle ich den geschwärzten Kessel mit frisch geschöpftem Brunnenwasser. Zeit für Kaffee.

Kein Strom, kein fließendes Wasser. Aber fließend Bachwasser. In der Kolarbyn Eco-Lodge kannst du erleben, wie man vor hundert Jahren gelebt hat. Wir befinden uns im Süden der mittelschwedischen Provinz Västmanlands län, eineinhalb Autostunden von Hauptstadt Stockholm entfernt. Kolarbyn liegt versteckt in ausgedehnten Wäldern. Nadel- und Laubbäume wiegen sich sanft im Wind. Beerensträucher bedecken den Waldboden. Jeden Moment erwartest du, dass ein Gnom oder eine Elfe auftaucht.

ÖKO PUR

Kolarbyn ist ein Paradies für alle, die eins mit der Natur werden wollen. Du kochst auf einem Feuer, das du selber entfachst. Das Geschirr spülst du im Bach. Das Wasser kommt aus dem Brunnen. Die Toilette? Ein Holzhaus im Wald. Men erledigt sein Geschäft in ein Loch und schüttet Erde darüber. Die Fäkalien kompostieren sofort. Ich war schon in vielen sogenannten Öko-Lodges, aber das hier ist Öko in Reinform.


Ein Paradies für alle, die eins werden wollen mit der Natur

“Wow, da werden wir schlafen”, sagt meine Freundin Silvia und zeigt auf eine Art Nachbau einer Köhlerhütte. Ein paar Bretter mit Teer beschichtet und mit Erde bedeckt. Darauf wachsen Pflanzen, ein zuverlässiger Schutz gegen Kälte und Regen. Darin ein kleines Feuer und zwei Betten, bedeckt mit Bergen von Schaffellen. Genau das, was die Köhler damals brauchten. Denn sie saßen fest und mussten warten.

Holzkohle, viel davon, wurde für die allgegenwärtige Eisenindustrie benötigt. Und die Köhler erfüllten dieses Bedürfnis. Wenn du Kolarbyn betrittst, steht gleich auf einer Lichtung ein großer Stapel Holzscheite. Das Rohmaterial für Holzkohle. “Die Leute haben das Holz mit Torf und Erde bedeckt”, sagt Malin Bruce, Besitzerin von Kolarbyn. “Dann haben sie das Holz von oben in der Mitte angezündet. Der Trick ist, das Holz ganz langsam schwelen zu lassen und nicht zu verbrennen”, weiß Malin. “Deshalb mussten die Köhler in der Nähe des schwelenden Holzes bleiben. Nach Hause zu gehen war keine Option, also bauten sie diese kleinen Häuser und lebten während der Saison im Wald.”

MÄRCHENHAFT

Heute sind Eisen- und Holzkohleproduktion Vergangenheit. Es dauerte Jahrzehnt bis der kahle Wald wieder zu seiner ursprünglichen Pracht zurückgewachsen war. Und heute ist er ein magischer Anziehungspunkt für Naturliebhaber.

Wir nehmen uns ein paar Tage, um ganz in die Natur einzutauchen, Feuer zu machen, Holz zu hacken, Wasser zu holen. Damit sind wir den ganzen Tag beschäftigt. Die Langsamkeit des Lebens – das ist hier der Luxus.



Schweiß tropft mir aus jeder Pore meines Körpers. Das Thermometer zeigt 90 Grad

SCHWIMMENDE SAUNEN

Auch die schwimmenden Saunen von Kolarbyn sind purer Luxus. Auf Pontons im angrenzenden schwimmen ein großes Holzfass und eine schwarz geteerte Hütte. Diese beheizt man mit Holz. “Soll ich noch ein Scheit drauflegen?”, fragt Silvia. Das Thermometer zeigt jetzt 90 Grad, Schweiß tropft aus jeder Pore meines Körpers. Die Ofentür öffnet sich, ich gebe einen Spritzer Wasser auf die Glut. Dampf legt sich wie eine brennende Decke über uns. “Aaargh”, rufen wir unisono. Wir stürzen aus der Sauna, ab ins Wasser. Platsch!

Zurück im Lager. Der geschwärzte Kessel steht noch halbvoll auf kleinen glühenden Kohlen. Ich füge Birkenholzstücke hinzu, bald lecken kleine Flammen um den Kessel. Ob die Köhler auch den Luxus von frischem Kaffee kannten?

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ÜBER DEN AUTOR

Marco Barneveld schreibt seit 2004 Reiseberichte für Magazine wie National Geographic Traveler, Lonely Planet, Sidetracked (Großbritannien), Newsweek (USA) und Explore (Kanada). „Ich möchte die Menschen dazu inspirieren, unseren wunderbaren Planeten zu genießen“, sagt er. Sein Ziel: motivieren und Fernweh wecken. Er hat einen Hintergrund in Werbung und globaler PR. Er war Chefredakteur von Wintersport Magazin, B-Magazin und MAN. Er ist der Gründer von WideOyster.

ÜBER DEN FOTOGRAFEN

Seit 25 Jahren reist Frits Meyst um die Welt – immer auf der Suche nach unbekannten Kulturen, abgelegenen Orten und großen Abenteuern. „Ich will meine Leser dazu inspirieren, zu reisen, die Komfortzone zu verlassen und in fremde Kulturen einzutauchen“, sagt er. Seine Reportagen erscheinen unter anderem in National Geographic Traveler, Time Magazine, New York Times, The Guardian, ANWB Reizen Magazine, Kampioen, Op Pad und im WideOyster Magazine.

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