Nachhaltiger Tourismus in Katalonien

Die Geschichte von Mireia Font und Casa Leonardo

Wir reisen nach Süden in die Region Pallars Jussà, in Richtung des kleinen Dorfes Senterada. Unser Ziel: die Casa Leonardo, ein Ort, der für Reisende, die ein authentisches Landerlebnis suchen, zu einem Maßstab des Ökotourismus in Katalonien geworden ist. Hier kommt man, um langsam zu gehen, zu genießen, was das Land bietet, und den Traditionen zu lauschen, die in diesem Winkel der Vorpyrenäen noch immer schlagen. Willkommen bei einer anderen Art zu reisen.

TEXT: Javier González

FOTOGRAFIE: Frits Meyst

Magazine › Katalonien Pyrenäen Special

„Massentourismus ergibt keinen Sinn“, sagt Mireia Font, Eigentümerin der Casa Leonardo, einer Herberge und eines Gasthauses in Senterada. „Was wir brauchen, sind Reisen, die verändern, nicht Ressourcen und lokales Leben auszehren. Ich sage immer: Bewusstes Reisen ist die beste Universität.“ Sie sagt es mit Überzeugung, ohne Dogma. Und sie spricht aus Erfahrung. Die Casa Leonardo ist mehr als ein Landhotel und Restaurant – sie ist eine Weltanschauung. Der Ground Zero des katalanischen Ökotourismus.

Sie steht an einer Kreuzung, gegenüber dem Kilometer Null der Nationalstraße, wo sich das Murmeln des Flusses mit dem Dröhnen der Traktoren mischt. 1913 von Mireias Großeltern gegründet, diente sie während des Baus der örtlichen Wasserkraftwerke als Laden, Kantine und Herberge. Dann kamen die Nachkriegsjahre, die Einsamkeit, der Ruhestand ihrer Großmutter und 1975 die Schließung.

Mireia – von Beruf Archäologin und eher zufällig Hotelierin – eröffnete sie 2001 wieder. Sie empfängt mich mit einem Lächeln, zerzaustem Haar und erdverschmierten Händen. „Ich hab' hier im Vall de Boí bei Ausgrabungen geholfen. Die Herberge, in der ich wohnte, brauchte eine Bedienung. Servieren, plaudern, Gäste empfangen … ich habe es geliebt! Da dachte ich: Ich habe ein riesiges Haus, voller Geschichte. Was, wenn ich es restauriere und davon lebe?“


Mireia Font empfängt mich mit einem Lächeln, zerzaustem Haar und erdverschmierten Händen


Ein Museum und eine virale Suppe

Das Haus ist kein Museum, aber es könnte eines sein. In der Eingangshalle bewahrt ein alter Kolonialwarenladen Produkte und Geschichten aus vergangenen Jahrzehnten. Oben steht ein Apothekerschrank neben Grammofon; antiken Stühle, Spielen und Büchern, die nach Staub und Abenteuer riechen.

„Die meisten stammen von Gästen, die sie wegwerfen wollten“, sagt Mireia und streicht über einen ledergebundenen Band. In der Küche stellt sie uns ihre Mutter Maria Àngels vor, Hüterin der Familiengeschichten. „Ich hätte nie gedacht, dass ein kleines Landhaus viral gehen könnte“, lacht Mireia. „Bis die Thymiansuppe meiner Mutter auf Instagram die Million Views geknackt hat. Stell' Dir das vor!“

Eine lebendige Gemeinschaft

Die Herbstsonne fällt schräg über das Dorf. Der Schulbus setzt Kinder ab. Fünf Katzen dösen auf der Schwelle. Drinnen mischen sich Stimmen auf Katalanisch, Spanisch, Französisch und Englisch mit starkem australischem Akzent. Ein Nachbar schenkt sich ein Bier ein; ein Schäfer fragt nach den Schafen. Das Dorf atmet in diesem langsamen, vertrauten Rhythmus: offene Türen, unkomplizierte Grüße, ein Gemeinschaftsgefühl, das keine geschriebenen Regeln braucht.

Mireia führt mich in ihren Bio-Garten, in dem riesige Kürbisse, Kohl, Sellerie, Zwiebeln und rote Amarantblüten wachsen. Sie beteiligt sich an Senterada Comestible, einem agroökologischen Projekt zur Wiedergewinnung traditioneller Sorten und essbarer Wildpflanzen. „Ich füttere den Boden mit organischen Abfällen und decke ihn mit trockenem Gras ab. Die Würmer erledigen die Arbeit für mich“, sagt sie und pflückt eine Popa-de-Vaca-Tomate, eine lokale Sorte.


Einer der Einheimischen reicht mir den Weinkrug: „Weißt du, wie man ihn benutzt?“ Ich packe ihn am oberen Griff, hebe ihn über meinen Mund und lasse den dünnen Strahl hineinfallen.


Frühstück mit Einheimischen

Jeden Morgen um acht wird die Casa Leonardo zum Herzen von Senterada. Nachbarn kommen vorbei, sprechen über die Ernte, diskutieren die Nachrichten und das letzte Barça-Spiel. Der Postbote bringt die Briefe direkt an den Tisch, während Teller mit Tomaten, Paprika und Chilis auftauchen. „Die bringen sie aus ihren eigenen Gärten mit“, erklärt Mireia, während sie ein echtes Landfrühstück serviert: Brot mit Tomate, weiße und schwarze Wurst, Öl und Knoblauch; Eier, Kaffee sowie Wein und Cava. „Jeder hat seit Jahren denselben Platz am Tisch.“

Einer der Einheimischen bemerkt meine Neugier und lädt mich zu sich ein. Er reicht mir den Weinkrug und fragt: „Weißt du, wie man ihn benutzt?“ Ich packe ihn am oberen Griff, hebe ihn über meinen Mund und lasse den dünnen Strahl hineinfallen. Mit einer Drehung des Handgelenks stoppe ich ihn, so wie mein Großvater es mir beigebracht hat – und trotzdem spritze ich mir Gesicht und Hemd voll. Gelächter. „Hier ist Frühstück ein gesellschaftliches Ereignis“, sagt Mireia, „ein Teil unseres Erbes.“

Transhumante Schäfer

Ein paar Kilometer weiter, am Rand von La Pobla de Bellvei, pulsiert eine andere Geschichte. Glocken kündigen die Ankunft von 2.500 Schafen an, die von ihren Sommerweiden herabkommen. Drei Generationen von Schäfern – Großvater, Vater, Söhne und Enkel – richten den Pferch her, in dem die Herde die Nacht verbringen wird. Ramón de Soli, 65, auf dem Papier im Ruhestand, aber unfähig, den Beruf aufzugeben, blickt zum Himmel. „Manche Leute gehen mit ihren Hunden spazieren“, witzelt er. „Ich gehe mit meinen Schafen.“

„Von San Pedro bis San Miguel weiden die Herden auf Gemeindeland. Nur ein Schäfer bleibt den ganzen Sommer bei ihnen“, erzählt mir Ramón. „In dem Dorf meines Vaters gab es 23 Herden, als ich ein Kind war“, sagt er. „Heute gibt es keine mehr.“ Als der Abend fällt, steigen die xisqueta-Schafe, eine einheimische katalanische Rasse, den Bergpfad hinab. Tausende Tiere werden zu einem einzigen, fließenden Fluss. Schafe blöken, Schäfer rufen, Hunde bellen, der Himmel färbt sich orange. Als das letzte Tier in den Pferch tritt, riecht die Nacht nach Wolle und feuchter Erde.

In derselben Nacht serviert Mireia zum Abendessen Girella – Brot, Reis, Knoblauch, Petersilie und Lamm – dazu Tupí-Käse und Honig. Rezepte von Schäfern und Bauern, die gelernt haben, nichts zu verschwenden. „Arme-Leute-Küche“, sagt sie stolz, „aber voller Weisheit.“


Glocken kündigen die Ankunft von 2.500 Schafen an, die von ihren Sommerweiden herabkommen.


Der Fünfte See

2009 entwickelte Mireia Cinquè Llac (Der Fünfte See), eine Rundroute, die fünf Seen und ländliche Unterkünfte verbindet. Die Idee: mit dem Zug im Tren dels Llacs ((Lake's Train) anreisen, langsam wandern und den See Montcortès erreichen, einen der wenigen Karstseen in den Pyrenäen. „Wir wollten, dass Menschen sich mit Natur und Traditionen verbinden. Es ist eine langsame Reise, aber eine mit Bedeutung.“

75 % der Wandernden kommen aus Nordeuropa. Sie wollen Authentizität: Menschen treffen, Kultur kennenlernen, Orte erleben. „Sie sammeln keine Fotos; sie sammeln Erlebnisse“, sagt Mireia. Sie achten die Natur, unterstützen die Gemeinschaft und kompensieren den CO₂-Fußabdruck ihrer Reisen. Um dabei zu helfen, gründete Mireia Gratitud Pallars, das Spenden in lokale Projekte reinvestiert. „Das ist Tourismus mit Zukunft“, sagt sie. „Der einzige, der überleben kann.“

Entdecke El Cinquè Llac

El Cinquè Llac ist eine nachhaltige, zirkuläre Mittelgebirgsroute, die Pallars und Alta Ribagorça über fünf landschaftlich beeindruckende Etappen verbindet. Geh sie auf deine Art — klassisch, langsam, mit dem Mountainbike, geführt oder maßgeschneidert. Dein Gepäck reist voraus, sodass du leicht unterwegs bist, Einheimische triffst und die Landschaft den Takt deiner Reise vorgibt.

Unterstütze das Gratitude Project

Das Gratitude Project gibt dem Land, das so viel schenkt, etwas zurück. Durch praktische Initiativen, die den Naturschutz unterstützen und das kulturelle Erbe bewahren, stärkt es die Verbindung zwischen Einheimischen, Besuchern und den Landschaften, die sie teilen. Schließe dich der Initiative an, leiste einen direkten Beitrag zur Region und hilf dabei, die wilde Schönheit von Pallars für kommende Generationen zu bewahren.

Senterada, Spain – October 2025: A picturesque village nestled by a river, where Mireia Font revitalizes rural traditions and sustainable tourism at Casa Leonardo.
Die ländliche Seele Kataloniens

„Wenn der Esel verschwindet, verschwindet eine Kultur“, sagt Lluís Piqué, Leiter von Explorer Donkey, während er Robelló streichelt, einen katalanischen Esel, der zwei australische Wandernde auf einer Etappe des Cinquè Llac begleiten soll. Lluís spricht mit Überzeugung und Zärtlichkeit: „Der katalanische Esel ist vom Aussterben bedroht. Und das dürfen wir nicht zulassen – sie sind die ländliche Seele Kataloniens.“

Vor der Tür der Casa Leonardo zieht Robelló neugierige Blicke auf sich. Marta, Lluís’ Tochter und gelegentliche Guide, gibt Louise und Cameron Anweisungen. Louise streichelt den Esel. „Ich habe einen Film über eine Frau gesehen, die mit ihrem Esel reist, und dachte: Das will ich auch.“ Robelló hat allerdings seine eigenen Prioritäten: Jeder Grashalm ist eine unwiderstehliche Versuchung. „Wenn Sie ihn lassen, bleibt er ständig stehen“, warnt Marta. In steilem Gelände, fügt sie hinzu, sei es besser, ihn gehen zu lassen: „Er weiß viel besser als wir, wo er auftreten muss.“

Der Weg schlängelt sich durch Buchen- und Eichenwald. Es duftet nach Rosmarin und feuchter Erde. Marta zeigt Spuren: Reh, Wildschwein, Marder. Weiter oben lichtet sich der Wald, und der Blick reicht bis zur Vall Fosca, mit La Pobleta und Beranui in der Ferne. Der Berg entfaltet sich wie eine endlose Reihe von Falten. Nach einer Kurve erscheint der See Montcortès – ein Karstspiegel, umrahmt von Wiesen, Pferde traben auf Robelló zu. Louise lacht über die unabhängig schwenkenden Ohren des Esels. Cameron witzelt: „Wie Kängurus!“


„Der katalanische Esel ist vom Aussterben bedroht. Wenn er verschwindet, verschwindet eine Kultur. Das dürfen wir nicht zulassen – sie sind die ländliche Seele Kataloniens.“


Die Casa Leonardo ist zu einem kleinen ländlichen Knotenpunkt geworden – ein Treffpunkt, eine Stimme und ein Zufluchtsort. Am Morgen unserer Abreise fasst Mireia ihre Philosophie zusammen: „Ich bin gereist, als ich jung war, und das hat mich gelehrt, meine Heimat zu schätzen. Reisen öffnet den Geist. Die wichtigste Reise ist die, die Sie nach Hause bringt.“ Es ist acht Uhr morgens; lokale Landwirte nehmen wieder ihre Plätze am Tisch ein. Der Tag beginnt wie gestern, wie vor Jahrzehnten. Das Leben in Senterada geht weiter, unaufgeregt, unberührt.

Auf ins Casa Leonardo

Tritt ein ins Casa Leonardo, das Haus von Mireia Font. Bewundere die Detail, jedes mit Charme und Charakter, entworfen, damit du dich inmitten der Kuriositäten eines alten Stadthauses wie zu Hause fühlst. Genieße einzigartige Erlebnisse, die dich ins lokale Alltagsleben eintauchen lassen und gleichzeitig dazu beitragen, das Natur- und Kulturerbe zu bewahren.

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ÜBER DEN AUTOR

Javier González ist begeisterter Bergsportler. In den ersten zehn Jahren seiner Laufbahn reiste er als Freiberufler mit dem Snowboard von Skigebiet zu Skigebiet: Pyrenäen, Alpen, Anden, Japan und mehr. Zwölf Jahre lang war er Chefredakteur von Oxígeno, Spaniens meistverkauftem Outdoor-Sportmagazin. Heute leitet er die spanische Ausgabe von WideOyster und ist für den spanischen und lateinamerikanischen Markt zuständig.

ÜBER DEN FOTOGRAFEN

Seit 25 Jahren reist Frits Meyst um die Welt – immer auf der Suche nach unbekannten Kulturen, abgelegenen Orten und großen Abenteuern. „Ich will meine Leser dazu inspirieren, zu reisen, die Komfortzone zu verlassen und in fremde Kulturen einzutauchen“, sagt er. Seine Reportagen erscheinen unter anderem in National Geographic Traveler, Time Magazine, New York Times, The Guardian, ANWB Reizen Magazine, Kampioen, Op Pad und im WideOyster Magazine.

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