Palästinas Heritage Trail

Wandern im Herzen des Heiligen Landes

Tausende von Jahren an Geschichte kommen hier zusammen – auf dem palästinensischen Heritage Trail. Früher war er bekannt als ‘Masar Ibrahim al Khalil’ oder auch ‘Pfad des Abraham’, ein historischer Wanderweg, der Palästina von Norden nach Süden durchquert. Abraham war eine legendäre Figur für Christen, Juden und Moslems, bekannt für seine Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber Fremden. Der WideOyster-Fotograf und ewige Abenteurer Frits Meyst folgt den Spuren Abrahams am Westufer des Jordans und spürt der berühmten palästinensischen Gastfreundschaft nach.

Text & Fotografie Frits Meyst

Magazine › Palästina "Heiliges Land" Spezial
Gerade verstummen die Morgengebete aus den Moscheen, als wir mit unserem Führer Nedal, einem freundlichen bärtigen Mann, fließend in Englisch, das Haus unserer Gastfamilie in Awarta verlassen. Wir wandern durch die Hügel der Region Nablus. Der Duft der angebauten Oliven und Mandeln steigt uns in die Nase. Unter den tiefhängenden Wolken begegnen wir einem Bauern, sein Esel zieht Furchen durch das Feld. Der Mann begrüßt uns, zeigt auf ummauerte Obstgärten auf der anderen Seite des Berges. Er sagt: “Es ist wichtig, dass wir unsere Felder pflegen”. Sein Finger wandert weiter zu einer eingezäunten Siedlung mit Wohnwagen. “Wenn wir das nicht tun, nehmen die israelischen Siedler die Felder und erweitern ihre Siedlung”. Sogar alte Haine päpppeln die palästinesischen Bauern wieder auf. Alles soll gebraucht und gepflegt sein, nichts soll verloren sein oder wirken.”
Ein ernüchternder Gedanke begleitet uns, während wir den Spaziergang durch blühende Obstbäume in einer frühlingshaften Landschaft fortsetzen. Nedal erzählt uns von seiner Kindheit im Flüchtlingslager. “Es ist nicht so ein Lager, wie man denkt, mit Zelten”, erklärt er. “Es ist eine Stadt, in der drei Generationen von Palästinensern aufwuchsen. Sie besteht seit 1948, dem Jahr, in dem Israel gegründet wurde und die Vertreibung der Palästineser begann. Im Lager hatten wir nicht viel. Ich wollte studieren, konnte aber keine Universität besuchen”. Nedal machte das Beste aus der Situation. Er fand einen Weg, Englisch zu lernen und Guide zu werden, und zwar ein ziemlich guter.



‘Das Flüchtlingslager ist eine Stadt, in der drei Generationen von Palästinensern aufwuchsen’

Auf dem Feldweg sehen wir einen Esel mit einem Jungen und drei Mädchen auf dem Rücken. Ich möchte ein Foto machen, leider halten sie nicht an. Sie beschleunigen. Es hat den Anschein, als wollten sie sogar fliehen. So etwas kenne gar ich nicht. Normalerweise tummeln sich Kinder vor meiner Linse und lassen sich gerne ablichten. “Haha, sie haben Angst vor dir. Sie denken, du bist ein Siedler!”, lacht Nedal. Ich lache auch. Ist es aber nicht traurig, dass die Kinder ängstlich statt neugierig sind, wenn sie einen Fremden sehen? Man braucht einen einheimischen Führer, damit die Leute von vornherein wissen, dass man ihnen nichts Böses will. Wir ziehen weiter und langsam löst sich mein Gedanke daran auf. Immer öfter werden wir mit einem freundlichen ‘Salam Aleikum’ begrüßt, möge der Friede mit euch sein. Ich spüre, dass der Gruß zu einem echten Wunsch heranreift.

Salam Aleikum, Friede sei mit dir

Ein Wunsch, der in den 90er Jahren fast erfüllt wurde. Als junger Dokumentarfotograf berichtete ich über die Krisenherde der Welt, insbesondere über den Nahen Osten. So fand ich zum ersten Mal den Weg nach Palästina, ins Westjordanland. Es war eine Ära der Hoffnung für die Region. Yassir Arafat und Yitzhak Rabin unterzeichneten das Oslo-Abkommen, um Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zu schaffen. Seit 1968, dem Jahr der ersten Besetzung des Westjordanlandes durch Israel, schöpften Palästinenser wieder Hoffnung auf Autorität im eigenen Land. Doch diese wurde jäh zerstört, als Rabin von einem israelischen Rechtsextremisten ermordet wurde, gefolgt von einer Reihe palästinensischer Selbstmordattentate. Die israelische Rechte kam an die Macht und baute eine Mauer, um die Palästinenser fernzuhalten.

Nun, 25 Jahre nach dem Abkommen von Oslo, befinde ich mich wieder auf palästinensischem Boden. Mit der Änderung der politischen Situation in diesem Vierteljahrhundert wandelte sich auch meine Arbeit von der Dokumentar- zur Outdoor-Fotografie. Jetzt magst du dich vielleicht fragen, warum all dies auf einer Webiste über Reisen und Abenteuer zu lesen ist. In dem Augenblick, als ich von der Möglichkeit erfuhr, ein weiteres Mal nach Palästina reisen zu können, spürte ich sofort ein großes ‘Ja’ in mir. Denn der Heritage Trail ist mehr als nur ein Wanderweg, er schafft dringend benötigte Arbeit für die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland und vermittelt deren kulturelle Werte. Eine Stiftung bildet Führer aus, Homestays ermöglichen direkte Begegnungen. Das hat mich begeistert. Und erneut aufbrechen lassen.



„Damals in den 80er Jahren lebten wir vielleicht nicht in Frieden mit den Israelis. Doch an Wochenenden kamen sie zum Einkaufen vorbei und wir fuhren zur Erholung ans Meer“
Abu Ayman


DIE HÜGEL VON JENIN

In den Hügeln nördlich von Nablus liegend, bietet das historische Dorf Sebastia seinen Besuchern einen ruhigen, schönen Rastplatz. Hier kann man durch tausende Jahre lokaler Geschichte spazieren. Sebastia wurde an der Stelle der biblischen Stadt Samaria erbaut, die zahlreiche Belagerungen erlebte. Der römische Kaiser Cäsar schenkte König Herodes dem Großen diese Stadt, die er umbenannte in Sebastia. Wir spazieren durch die römische Anlage und Kinder spielen Fußball auf der Agora, dem antiken Marktplatz. Sebastia beherbergt noch zahlreiche Häuser aus osmanischer Zeit.

Abu Ayman ist unser Führer in den Hügeln. Während der Wanderung sammelt er frischen Oregano, Thymian und wilden Fenchel. In der nächsten Pause zaubert er einen Kessel her und zündet ein Feuer darunter an. Tea time! Und dann koste ich den besten Kräutertee, der je meine Zunge überquerte. “Weißt du, Frits,”, beginnt Abu Ayman, “damals in den 80er Jahren lebten wir vielleicht nicht in Frieden mit den Israelis. Doch an den Wochenenden kamen sie zum Einkaufen in unsere Stadt, und wir fuhren zur Erholung ans Meer. Manchmal wurde ich an einem Checkpoints angehalten, und der Wächter, ein junger Israeli, fragte mich, woher ich stamme. Ich sagte dann, ich komme aus dem Dorf auf der anderen Seite der ‘Wasserscheide’. Wir sprachen über unser Gebiet und fanden sogar gemeiname Bekannte. Ach, Frits, all das ist jetzt vorbei. Jetzt ist es gefährlich. Auf beiden Seiten sind Generationen herangewachsen, die sich nie kennengelernt haben. Das bewaffnete israelische Kind am Checkpoint ist jetzt genauso paranoid und verängstigt wie das palästinensische Kind, das den Checkpoint passieren muss. Es wird immer schwieriger, friedlich miteinander zu leben. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.” Das Tageslicht nimmt ab, ich sehe ich einen Schimmer am Horizont. Es ist die Sonne, die ihr Licht auf das Mittelmeer wirft. Die Küste ist nicht weit entfernt, aber Sperrgebiet. Die meisten jungen Palästinenser waren noch am Strand, in den Wellen.

IN DIE DÜRRE WÜSTE

Eine der spektakulärsten Wanderungen in der Nablus-Region führt durch das Wadi Auja hinunter in die Wüste zum Fluss Jordan. Er markiert die Grenze zu Jordanien. Die karge, felsige Landschaft hat sich in dieser Jahreszeit zu einer grünen Fläche gewandelt, aus der Wildblumen sprießen. Wir ziehen weiter, das Tal verengt sich, steile Felswände zu beiden Seiten wachsen empor. Wasser hat das Urgestein in tausenden von Jahren ausgewaschen. Wir erreichen die Wüste und in Tel al-Sultan zeigen Ausgrabungen Schicht um Schicht die antiken Überreste von Jericho, beginnend mit dem Neolithikum vor 10.000 Jahren. Es ist brütend heiß. Wir suchen verzweifelt nach Schatten.



Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück
Psalm 23


Die felsige Schlucht des Wadi Qelt wird oft mit dem “finsteren Tal” aus dem Bibelpsalm 23 in Verbindung gebracht. Jetzt, in der Hitze des Sommers, zweifele ich keinen Augenblick daran. In diesem abgelegenen, kargen und steinigen Ort klammert sich das Kloster St. Georg an die Felswand. Das Gemäuer aus dem 4. Jahrhundert akzeptiert auch weibliche Besucher. Ein Präzedenzfall, geschaffen von einer byzantinischen Adeligen, die behauptete, die Mutter Gottes habe sie direkt dorthin gelenkt, um von ihrer unheilbaren Krankheit zu genesen. Das Kloster liegt an der alten Route zur heiligen Stadt Jerusalem. Die Kühle des Tals lässt uns aufatmen. Langsam nehmen wir die Stufen hinauf zum Aquädukt, welches das Wasser zum Kloster leitet. Das ausgeklügelte Wassersystem erstreckt sich über viele Kilometer. bis zur Quelle. Dort verlässt der Wanderweg Masar Ibrahim das Wadi, leitet seine Wanderer zum Grab des Moses in Nebi Musa und verbindet weiter zum Kloster Mar Saba.

Mar Saba gehört zu den ältesten und wundersamsten Wüstenklöstern im heiligen Land. Das Kloster ist seit seiner Gründung im fünften Jahrhundert ununterbrochen in Betrieb. Das Bauwerk überlebte Naturkatastrophen, plündernde Armeen und Einflüsse zahlloser Königreiche. Die hohe, gezackte Rundum-Mauer wurde nach der persischen Invasion im 7. Jahrhundert errichtet und hält seitdem Eindringlinge fern. Frauen dürfen das Kloster nicht betreten. In den frühen Morgenstunden stehen wir auf der gegenüberliegenden Seite des Wadi und bewundern die Pracht dieser alten Schönheit.

LEBEN MIT DEN BEDUINEN

Weiter südlich in der Wüste liegt das Beduinenlager Reshayda. Abu Ismail und seine Familie sind unsere Gastgeber für die Nacht. Mit süßem Tee heißen sie uns willkommen. Für die Wanderer des Heritage Trails hat Abu Ismail einen separaten Raum geschaffen, in dem auch wir übernachten. Die Sonne geht unter, Abu Ismail treibt die Kamele zusammen und eine Staubwolke kündet von der herannahenden Schafherde, geführt von einem seiner Söhne.

Von meinem Bett aus schaue ich zu den Sternen auf. Ich denke an die Schönheit der Region und an ihre Menschen. Ich hoffe, dass sie eines Tages in Frieden mit ihren Nachbarn leben werden

Abu Ismails Frau rollt Teigkugeln zu dünnen Pfannkuchen aus und backt sie auf einem runden Teller über dem Feuer zu Fladenbrot. Es sieht leichter aus, als es ist. Das gilt auch für das Melken von Schafen. Die Familie arbeitet wie eine gut geölte Maschine. Jetzt ist genug Milch da, um zu Joghurt und Käse verarbeitet zu werden. Noch ein paar Tomaten und Oliven dazu, fertig ist das Frühstück für morgen. Nach Sonnenuntergang kühlt die Wüste schnell ab. Über uns erscheint die Milchstraße. Tausende von Sternen, so klar, dass ich sie fast berühren kann. Von meinem Bett aus schaue ich zu den Sternen auf. Ich denke an die Schönheit der Region und an ihre Menschen. Ich hoffe, dass sie eines Tages in Frieden mit ihren Nachbarn leben werden.

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ÜBER DEN Autor/Fotografen

Frits Meyst ist Abenteuerfotograf und Mitgründer des WideOyster Magazine. Früher dokumentierte er Krisen, heute fängt er Natur, Kultur und entlegene Orte ein. Bei WideOyster verbindet er Fotografie und Storytelling – für echte Reisen, große Abenteuer und neue Entdeckungen.

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