In einem Land wie Chile, das sich rund 4.300 Kilometer von Norden nach Süden erstreckt, mangelt es nicht an Schauplätzen für jede Art von Action-Sport: hohe Berge und Vulkane für Skifahrer, mächtige Flüsse für Kajakfahrer, herausfordernde Wellen für Surfer, imposante Wände und Gletscher für Kletterer und Bergsteiger sowie endlose Routen und Straßen für Radfahrer. Dieses Paradies an Möglichkeiten hat Chile bereits mehrfach den Titel des besten Abenteuerlandes der Welt eingebracht.
Im Norden befindet sich die Stadt Iquique, die Hauptstadt der Region Tarapacá. Sie ist für ihre Strände und ihr hervorragendes Klima bekannt und das ganze Jahr über Surfen und Gleitschirmfliegen an. Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es hier auch die größte städtische Sanddüne der Welt: Cerro Dragón, der Drachenberg.
Wenn man nach einer Reise entlang der Küstenstraße Ruta 1 in Iquique ankommt, hat man das Gefühl, auf eine Oase in der Wüste zu stoßen. Die Atacama-Wüste auf der einen Seite, der Pazifische Ozean auf der anderen, und die Straße, die beide Weiten zu durchschneiden scheint. Die Reise enthüllt Felsen, Sand und Wasserlandschaften, unterbrochen von kleinen Fischerbuchten. Und am Ende dieser faszinierenden Fahrt taucht Iquique wie eine Fata Morgana auf, mit seinen hohen Gebäuden und der großen Sanddüne, die sich wie ein Traum aus der Wüste erhebt. Einigen Interpretationen zufolge stammt der Begriff “Iquique” von dem Wort “ique-ique” (auch “i-kiwe” geschrieben) der Aymara (ein indigenes Volk in den Anden und im Altiplano Südamerikas), was “Ort der Träume” bedeutet.
Was für New York die Freiheitsstatue und für Paris der Eiffelturm ist, ist für Iquique die Drachendüne, das Wahrzeichen der Stadt. Näher betrachtet handelt es sich um eine riesige Sanddüne, die etwa vier Kilometer lang ist und je nach Lage 200-500 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Vor etwa zwanzigtausend Jahren formte die geomorphologische Wirkung der Küstenwinde die Düne so, dass sie ursprünglich an einen schlafenden Drachen erinnerte. Die Dimensionen dieser kolossalen Düne machen sie auch zu einem Paradies für das Sandboarding, wobei man mit dem Snowboard Sandhänge hinunterfährt.
„Ihr seid wahrscheinlich am besten Tag des Jahres gekommen“, sagt Geovanny Pizarro, Sandboarding-Lehrer, Gründer von Diablos Adventure und unser freundlicher Gastgeber in Iquique. Geovanny, von seinen Freunden ‚Geo‘ genannt, ist der Vorsitzende von Sandboard Chile, den Organisatoren, denen zu verdanken ist, dass die Düne vom chilenischen Nationalen Rat für Denkmäler zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.
„Davor war dieser Ort ein einziges Chaos“, erklärt Geovanny. „Die Leute luden Müll und Schutt auf der Düne ab. Obwohl viele Fortschritte gemacht wurden, gibt es noch viel zu tun. Eines der Ziele von Sandboard Chile ist es, das Bewusstsein für den immensen natürlichen und ökologischen Wert der Düne durch verschiedene Aktivitäten und Workshops zu schärfen. Dank der vier Unternehmen unseres Verbandes haben wir Ressourcen, um Veranstaltungen und Kampagnen zu realisieren, die den Wert des Cerro Dragón adressieren.“
Neben Workshops gibt es auch Sandboarding-Ausrüstung für alle, die es ausprobieren möchten, sowie kostenlose Kurse und Konzertabende zum Sonnenuntergang. Wir machen uns jetzt auf den Weg zu unserer Privatstunde.
„Snowboarding ist unser Schwestersport. Aber es gibt ein paar Unterschiede“, erklärt mir Geo, während wir die Düne hinaufgehen. Es ist fünf Uhr nachmittags. Die Hitze ist groß. Und ich bin begeistert von dem, was ich sehe: einen langen, steilen und Nervenkitzel versprechenden Sandhang.
Geo hat Chile bei internationalen Sandboarding-Meisterschaften vertreten und bei der World Sandboarding Tour 2016 den dritten Platz belegt. Ich werde also von einem der Besten lernen. „Das Erste und Wichtigste ist, das Brett gut zu wachsen“, erklärt er mir oben auf der Piste, während ich ihm dabei zusehe. Ich ahme seine Bewegungen mit dem Wachszeug Paraffin nach. „Versuche, keinen Teil des Belags ungewachst zu lassen; das hilft Dir, schneller zu werden.“
Obwohl die Ausrüstung fast identisch mit der des Snowboarders ist, fällt mir auf, dass das Brett keine Kanten hat. „Die brauchen wir im Sand nicht“, erklärt Geo. „Beim Sandboarding drückt die Kante nicht so stark ein; die Reibung ist ganz anders als bei Schnee, was auch die Technik beeinflusst.“
Es ist Zeit, zur Sache zu kommen. Ich ziehe die Bindungen fest, dehne meine Muskeln und bereite mich auf die Abfahrt vor. „Versuch‘ nicht zu viel zu carven; die Reibung verhindert, dass Du Dich wie auf Schnee drehen könntest“, sagt Geo, kurz bevor ich mich auf den Weg mache. „Es geht eher darum, eine Linie zu finden und sie ohne zu viele Kurven zu fahren“, rät er mir. Ich denke darüber nach, und in 3, 2, 1… bin ich weg! Das erste Gefühl, als ich Fahrt aufnehme, fühlt sich sehr vertraut an. Doch als ich versuche, wie auf Schnee Druck auszuüben, merke ich schnell, dass das auf diesem goldenen Untergrund nicht funktioniert. Trotzdem gelingt es mir, ein paar anständige Schwünge zu ziehen, bevor ich den unteren Teil der Piste erreiche. Wahnsinn! Gar nicht mal so schlecht, dieser Sand!
Während ich mich auf den Weg zurück auf die Düne mache, gesellen sich weitere einheimische Sandboarder zu mir. Sie sind neugierig und wollen erfahren, wer ich bin, woher ich komme und welche Erfahrungen ich habe. Es sind Mädchen und Jungs, junge und nicht mehr ganz so junge. Alle haben ihre Bretter dabei und wollen sich amüsieren. Im Hintergrund läuft Musik. Plötzlich höre ich ein Dröhnen. Dann sehe ich einen Fahrer, der schnell und mit Stil absteigt. Es ist Geo.
Im Laufe des Nachmittags gesellen sich noch mehr Einheimische dazu. Ich fahre weiter die Düne hinauf und hinunter und genieße das Sandboarding. Kinder und Familien spielen lachend im Sand. Es ist eine tolle, echt positive Stimmung. Langsam senkt sich die Sonne hinter der Stadt und dem Pazifik entgegen. Geo holt eine Kühlbox aus dem Auto, entnimmt ein paar kalte Biere und reicht sie uns. „Ich glaube, die Kameradschaft beim Sandboarding ist intensiver als bei anderen Sportarten. Vielleicht weil es nicht viele von uns gibt“, postuliert Geo. Dann stoßen wir an – auf einen unvergesslichen Tag.
Traumhafte Orange- und Rosatöne füllen Himmel und Meer. Die Lichter der Wolkenkratzer blitzen auf. Von irgendwo erklingt zarte elektronische Musik mit traditionellen lateinamerikanischen Einflüssen. Lebe ich in einem Traum? Ich genieße den Moment und denke über unser wunderbares Erlebnis in Iquique nach. Könnte das der Grund sein, warum man Iquique ‚Stadt der Träume‘ genannt hat?
Bei Diablos Adventure kannst du lernen, wie man die größte Stadtdüne der Welt, den Cerro Dragón, hinuntergleitet. Oder buche einen Tandemflug mit dem Gleitschirm – an einem der besten Orte Chiles. Oder vielleicht eine Buggy-Tour durch die Wüste zur berühmten Oase Pica.
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