Die Mitternachtssonne glimmt warm über Levis Fjells. Ich gehe barfuß und nackt aus einer über 95 °C heißen Sauna, meine Haut dampft, mein Schweiß tropft und quillt aus allen Poren. Ich bin bereit für die Nacktbade-Erlösung.
In Finnisch-Lappland lügt die Uhr. Während der Mittsommerzeit zieht die Sonne sechsundvierzig Nächte lang ununterbrochen ihre Kreise am Himmel, wie ein heller, verspielter Hund, der seinem Schwanz nachjagt. Rentiere klappern über Radwege, Menschen angeln um 2 Uhr morgens, vergessen ganz zu schlafen, und erwachsene Männer klatschen sich in T-Shirts ab, auf denen 'Sauna ist meine Kirche' steht. Levi reitet dieses berauschende Licht wie ein Jahrmarktkarussell – drehend, funkelnd, sich weigernd abzusteigen.
Ich kam nach Norden, um zu schwitzen. Aber man kann hier nicht über Sauna sprechen, ohne in die Sámi-Märchenwelt einzutauchen. „Kratze Flechten auf einem beliebigen Felsbrocken ab, und Du wirst einen Mythos finden,“ sagt Janne, einer unserer Führer, während wir um Mitternacht auf die Spitze eines Fjells gingen. Beaivi, die Sonnengöttin, die junge Bäume gold färbt; Bieggolmmái, der Windmann, der Fichtenspitzen rasseln lässt; wohlwollende Saivo-Geister, die sich in Seen mit doppeltem Boden verstecken.
Lappland ist ein Ort des Wassers: Flüsse, Sümpfe, Bäche, Wasserfälle und Seen. Für meine erste Schwitzsitzung besteige ich eine Fährsauna – stell' Dir einen Lastkahn vor, der auf dem Sirkajärvi, dem See von Sirkka, schwimmt und an eine Gartenterrasse erinnert. Sirkka ist die Stadt direkt neben Levitunturi, dem 531 Meter hohen Fjell, der dem Gebiet und dem Skigebiet seinen Namen gibt.
„Dampf ist ein Reset-Knopf,“ sagt Mika Kuusela, Gründer von Kinos Safaris und lokaler Organisator, der schon Unzählige auf Schneemobile gebracht hat. „Man kocht den Stress heraus, dann schockgefriert man den Rest. Danach schmeckt Bier heilig.“ Mika lacht.
Ich betrete die schmale holzbefeuerte Kiste auf dem Boot, mit einem Bauch voller feuergeküsster Pfannkuchen und einem eiskalten Lapin Kulta Bier. Das Leben ist gut. Das Leben ist heiß. Ich lege weitere Holzscheite in den kleinen glühenden Ofen. Während ich mich langsam entspanne, ziehen Wolken auf, Regen peitscht den See mit einem wässrigen Bombardement. Ich brate, bis meine Adern pochen, dann stürme ich hinaus. Donner kracht, Dampf bricht aus meinem Körper, als ich in 6 °C kaltes Graphitwasser tauche. Oh, mein Buddha, göttlich. Ich lache so laut, dass ich vielleicht einige der Sámi-Seengeister verschlucke, deren Frieden ich gerade störe.
Regenwasser prasselt von meiner Stirn. Irgendwie verstehe ich, als ich im Sturm im Wasser liege, warum die Sámi sich einen dreigeteilten Kosmos vorstellen. Himmel oben, Menschen dazwischen, die Unterwelt unten – und mitten darin eine Sauna, die die Schichten mit Schweiß und Dampf zusammenklebt.
Die Finnen nennen diese Dampfwolke Löyly – ein Wort, das einst Geist bedeutete. Die Sámi würden nicken – für sie ist jedes natürliche Element bewohnt.
Sogar moderne Sauna-Etikette spiegelt alte Tabus wider: kein Fluchen, kein Metallschmuck (die Geister mögen kein Geklimper), bedanke dich immer bei der Hitze, wenn du gehst. Oh, und wenn man den Sauna-Elfen wirklich verärgern will? Versuche zu furzen, wenn Du Dich traust. Ok, Du musst das nicht glauben, aber die Rituale verhalten sich so, als ob man es tun würde.
Eine Schotterstraße schlängelt sich durch Fichten, bis sie das Elfen-Dorf erreicht, eine Ansammlung märchenhafter Blockhütten, die aussehen, als wären sie von Tolkien nach einem Roggenwodka-Rausch entworfen worden. Im Winter lebt hier manchmal der Weihnachtsmann. Eine dieser Blockhütten am Flussufer des Ounasjoki beherbergt eine traditionelle Sauna. Hier frisst der riesige Ofen Birkenholzscheite, und der Raum ist rußlackiert wie eine Gusseisenpfanne. Ich schäle ein Bündel junger Birkenzweige – weiche sie ein, dann beginne mit dem, was als die alte Kunst der Selbstgeißelung angesehen werden könnte. Aber auf eine nette Art. Jeder sanfte Schlag erzeugt pfeffrige Hitze auf meinen Schultern, rüttelt an den Lymphknoten und soll angeblich die Durchblutung turbobeschleunigen. Meistens fühlt es sich punk-rockig an: Dampf, Schweiß, Blattreste im Haar.
Aus dem Kern dampfend, sprinte ich nur mit meinem Geburtsgewand in den Ounasjoki-Fluss. Die Strömung ist ziemlich schnell, höchstens 4 °C. Der Fluss tauft jeden Nerv, während ich gegen die Strömung zurück zum kleinen Strand schwimme, von dem ich gestartet bin. Ich schlucke so kalte Luft, dass meine Stimmbänder quietschen. Als meine Füße wieder das Kiesufer finden, ist die Welt pixelscharf: Kiefern schenken ihren köstlichen Geruch dem Wind, der mit dickem, teerigem Rauch aus der Holzsauna des Elfen-Dorfes verschmilzt.
Ich nehme einen Schluck Moltebeersoda aus einem Birkenrindenbecher. Wir sollten besser hinter uns aufräumen. Wir wollen Stállu nicht verärgern, einen riesigen, hungrigen, haarigen Grobian in Pelzhosen, der unvorsichtige und nervige Menschen frisst. Draußen vor dem Fenster leuchtet der Himmel kupfer- und zinnoberrot. Beaivi macht Überstunden.
Fünfzig Prozent dieser Gemeinde sind geschützte Wildnis, neben der „gewöhnlichen“ Wildnis. Es gibt durchschnittlich nur zwei Menschen pro Quadratkilometer. Sie haben buchstäblich Platz zum Atmen. Und die Luft, die sie atmen, ist die sauberste, reinste Luft auf dem Planeten. Kein Wunder, dass Geister es hier lieben. Sie spüren es, wenn die Heizung ausschaltet wird und der Wind auf dem Dach umherschleicht, wenn Bieggolmmái die Dachtraufe berührt - und sich der Herzschlag an die Stille anpasst.
Finnland hat drei Millionen Saunen. Etwas mehr als eine Sauna für je zwei Finnen. Sie sind globale Gewinner, wenn es um Sauna geht, aber das Konzept ist global. Maya-Schwitzhütten, Inuit-Dampfiglus, First-Nations-Hütten. Sie alle teilen die gleiche These: Unreinheiten abkochen, Tugend schockgefrieren, wiederholen. In Europa starb die Tradition fast aus, als die Wälder im 17. Jahrhundert dünner wurden, aber Finnlands Taiga ging nie das Anzündholz aus, so dass der Ofen weiteratmete. Während der Kriege bauten Soldaten provisorische Saunen an der Front, um Läuse und Angst abzustreifen, bevor sie zurück in die Hölle rotierten. Die Samstagabend-Sauna wurde zur heiligen Hygiene; der Freitag übernahm, als die Fünf-Tage-Arbeitswoche kam. Die Sauna wurde zum Ort, wo Babys geboren und die Toten gewaschen wurden.
Die Literatur hält die Flamme am Leben: Aleksis Kivi brannte die Hütte der Sieben Brüder an Heiligabend nieder; Akseli Gallen-Kallela malte ländliche Akte, die Rauch von der Haut schrubbten; Songwriter Juha Vainio erinnerte sich an Fabrikarbeiter, die Liebe und schmutzige Witze durch den Dunst predigten. Die Politik zieht nach: Das finnische Parlament besitzt immer noch einen Saunatrakt, wo Koalitionen auftauen, da Argumente verboten sind; Gerüchten zufolge wissen die Steine mehr Staatsgeheimnisse als die Archive dieser dampfverehrenden Gesellschaft. Tatsächlich sind alle Regierungsgebäude in Finnland gesetzlich verpflichtet, eine Sauna vor Ort zu haben.
In einer Sauna haftet die Vergangenheit wie Harz: Geburten, Abschiede, Teenager-Schwärmereien, Waffenstillstandsabkommen. In diesem holzvertäfelten Raum sitzend, die Augen geschlossen, höre ich mehr als Schweiß tropfen. Ich höre Radiengiedde den Weltenbaum erklimmen, fühle Saivo-Vorfahren die Bänke bevölkern, spüre Stállu draußen schmollend, weil er zu dumm ist, die Falle zu bedienen. Die Sauna ist eine feuchte Bibliothek all jener, die hier je geatmet haben, Mensch und Geist gleichermaßen.
Die Mitternachtssonne lugt durch zerfetzte Wolken, schmiert Gold auf den See, und meine Lungen summen vor reinster Luft. Ich tauche ein letztes Mal, Wasser schneidet in die Haut, trägt mich aber sanft. Auf dem Rücken schwebend, eins mit der Kälte, sehe ich Beaivi sich weigern unterzugehen und erinnere mich an jeden Ofen: digitalen Luxus, rußlackierte Tradition, schwimmenden Karneval. Drei Öfen, ein Land, unendliche Geschichten, die vom Dampf durchwebt sind.
Manche Orte besucht man, Levi lässt einen in sich gehen. Und als ich endlich auf das Boot steige, Gänsehaut habend und grinsend, beginnt die Zeit wieder – aber langsamer, freundlicher, als ob die Götter des Windes, der Sonne und der Silikonknöpfe sich einig waren, ihnen Freigang zu gewähren, bis der nächste Löyly ruft.
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