Schneeschuhwandern im Val d’Arán

Colomers in Erinnerung

Zwischen dem absoluten Weiß der Winterberge und der Stille der Seitentäler gibt es einen Ort im Val d'Aran, den weder Karten noch Vorstellungskraft erfassen können: Colomers, eine Hütte, die in Eis und Erinnerung zu schweben scheint. Schnallen wir die Schneeschuhe an - und machen eine Wanderung.

TEXT: Javier González

FOTOGRAFIE: Frits Meyst

Magazine › Katalonien Pyrenäen Special

„Val d’Aran ist das Tal der Täler“, sagt Alex Barceló mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Mit siebzehn kam er aus Barcelona hierher. Was eigentlich nur ein Kapitel seiner Lebensgeschicht werden sollte, wurde zu seinem Gesamtwerk. Heute leitet und organisiert Alex viele Touren im Mittel- und Hochgebirge. Als wir zusammen aufbrechen, bemerkt er: „Schon seltsam, wie man in ein paar Minuten vom Lärm der Zivilisation in die Stille der Natur gelangt.“ Recht hat er: Nur eine Kurve von der Hauptstraße entfernt, schrumpft die Welt. An der Schwelle zum Nationalpark Aigüestortes i Sant Maurici beginnt unsere Winterwanderung. Das Tal zerfällt in Gemächlichkeit, Bewunderung und Erwartung. Alles verblasst.


Skifahrer nennen ihn den Zauberberg.

Kindheit

Das Auto hält. Von hier an wird die Straße zu einem weißen Band, das sich durch Wälder und schneebedeckte Wiesen windet. Wir schnallen uns die Schneeschuhe an, während die Februarsonne mit Kraft herunterbrennt. Neben Alex läuft Lara Baqués, seine Partnerin. Sie kennt den Ort, zu dem wir gehen, sehr gut: Ihr Vater war der erste Hüttenwart von Colomers. Sie verbrachte dort ihre Kindheit.

Wir brechen auf. Unter unseren Füßen knirscht der Schnee. „Das ist die beste Saison seit dreizehn Jahren“, erfreut sich Alex. Wegweiser sind unter meterdicken weißen Massen begraben. Jede Schneekontur ist abgerundet, wirkt verdichtet - fast skulptural. Der Pfad schlängelt sich an abgelegenen Steinhütten und Waldlichtungen vorbei. Dann öffnet er sich zu einem breiten Hang, durchzogen von in den Schnee geschnittenen Rinnen. Skifahrer nennen ihn den Zauberberg.

Erinnerung in Bewegung

Die Szene könnte eine Alpenpostkarte sein. Für Lara ist dieser Ort eine Erinnerung. Ihr Vater war in den 1980er-Jahren der erste Hüttenwart der modernen Colomers-Hütte. Ihre Eltern kamen mit achtzehn, als solche Rollen in den Pyrenäen kaum existierten. Wie viele andere junge Leute ihrer Generation besetzten sie verlassene Hütten, schufen Wege - und ein neues Zuhause. Eigentlich wollten sie nur eine Saison bleiben. Eigentlich. Sie blieben.

Lara ist hier aufgewachsen. „Meine Erinnerungen - sie sind wie ein Aufblitzen“, sagt sie. „Allein draußen vor der Hütte spielen, mit meinem Vater klettern und Menschen ankommen sehen.“ Andere Kinder hatten Trubel, sie hatte Stille. Jahrelang war ihr nicht klar, wie besonders diese Kindheit war. „Ich hab's erst kapiert, als ich weggegangen bin. Da wurde mir klar: Mein Leben ist nicht wie das der anderen.“ Ihr Vater studierte das Tal, gab unbekannten Orten Namen. Heute trägt ein Gipfel ihren Namen. Auch ein Zimmer in der Hütte ist nach ihr benannt.



„Meine Erinnerungen - die sind wie ein Aufblitzen: Allein vor der Hütte spielen, mit meinem Vater klettern, Menschen ankommen sehen.“



Gletscherkessel

Aber auch der Berg verändert sich. Parkhütten sind für die Öffentlichkeit zugänglich; Konzessionen wechseln. Als ihr Vater in den Ruhestand ging, wurde die Bewirtschaftung ausgeschrieben. Die Familie bewarb sich, verlor aber. „Da ist so eine kleine Trauer“, gibt Lara zu. „Wenn ich heute die Hütte betrete und mein altes Zimmer sehe, meine Sachen … aber es ist nicht mehr mein Zuhause.“ Sie sagt es ohne Bitterkeit, wie jemand, der weiß, dass die Berge alles ändern können. „So ist das Leben.“

Und doch: Manches ändert sich in Colomers nie. Lara fällt es schwer, dafür einen Begriff zu finden. Dann sagt sie: „Es ist der Raum. Die Weite. Du hast die Seen, den Kessel, den Horizont. In Colomers atmest du.“

Snnenuntergang. Das Licht wird weicher. Die Hütte leuchtet schwach. Wir öffnen ein paar Biere und beobachten das Tal. Stille. Für Alex, der als Teenager ankam, ist dieses Tal Heimat. Für Lara ist es anders, auch lebendig. Aber als Erinnerung.

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ÜBER DEN AUTOR

Javier González ist begeisterter Bergsportler. In den ersten zehn Jahren seiner Laufbahn reiste er als Freiberufler mit dem Snowboard von Skigebiet zu Skigebiet: Pyrenäen, Alpen, Anden, Japan und mehr. Zwölf Jahre lang war er Chefredakteur von Oxígeno, Spaniens meistverkauftem Outdoor-Sportmagazin. Heute leitet er die spanische Ausgabe von WideOyster und ist für den spanischen und lateinamerikanischen Markt zuständig.

ÜBER DEN FOTOGRAFEN

Seit 25 Jahren reist Frits Meyst um die Welt – immer auf der Suche nach unbekannten Kulturen, abgelegenen Orten und großen Abenteuern. „Ich will meine Leser dazu inspirieren, zu reisen, die Komfortzone zu verlassen und in fremde Kulturen einzutauchen“, sagt er. Seine Reportagen erscheinen unter anderem in National Geographic Traveler, Time Magazine, New York Times, The Guardian, ANWB Reizen Magazine, Kampioen, Op Pad und im WideOyster Magazine.

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