Südaustralien: Insel & Outback

Wo die Evolution auf kleinem Raum irrwitzige Spiele treibt

Beim Mittagessen in Adelaide fällt ein Satz, der sich in mir festsetzt: Australien ist ein Kontinent, der so tut, als wäre er ein Land. Was er bedeutet, zeigt sich erst später, irgendwo zwischen Ameisenigeln, Gondwana-Felsen, über Outback-Weiten und zwei Salzseen, die man aus der Luft nicht fassen kann.

Text & Fotografie Malte Clavin

Ozeanien › Australien
Verabredet an den Kugeln

Ein Großvater jagt seinen Enkel um zwei polierte Edelstahlkugeln, aufeinandergestapelt, vier Meter hoch. Beide lachen, beide spiegeln sich krumm im Stahl. Bert Flugelman hat die Kugeln 1977 eigens für diesen Platz in der Rundle Mall entworfen, und er wollte genau das: dass Menschen sie anfassen, dass Kinder sie bekleckern, dass sie ins Treiben der Mall hineinwachsen. „Meet me at the balls“ ist seit fast fünfzig Jahren die Verabredungsformel dieser Stadt.

Breite Alleen, jacarandablaue Vorgärten, Kirchturmspitzen aus honigfarbenem Sandstein: Adelaide trug einmal den Beinamen Stadt der Kirchen. Als einzige Großstadt der Welt ist sie vollständig eingerahmt von einem Grüngürtel aus Parklandschaften, einem grünen Korsett, das Stadtgründer Colonel William Light 1836 per Planung verordnete.

In der Art Gallery of South Australia sticht Der Denker sofort ins Auge, eine von über zwanzig Rodin-Bronzen. Bemerkenswerter ist, was das Kuratorium damit anstellt: Rodin wacht neben zeitgenössischer Aboriginalkunst, Kolonialporträts hängen über asiatischen Keramiken. Hier wird nicht ausgestellt, hier wird konfrontiert.


„Australien ist ein Kontinent, der so tut, als wäre er ein Land“


Duncan Fraser vom Adelaide Tourism Office hat mir am Mittag zuvor einen anderen Satz mitgegeben, eher nebenbei. „Australien ist ein Kontinent, der so tut, als wäre er ein Land.“ Ich notiere ihn, weil er witzig klingt, schräg irgendwie. Er wird meine Frau Annette und mich die ganze Reise nicht loslassen.

Am frühen Morgen liegt im Botanischen Garten noch Tau auf den Wegen. Ein Australischer Weißibis gleitet lautlos über den Teich, im Schilf watschelt ein Teichhuhn, seine rote Stirnplatte leuchtet wie frisch lackiert. Ein Queensland-Schirmbaum spreizt die Fiederblätter, jedes so breit wie ein ausgestreckter Arm.

Am Nachmittag führt uns Guide Katina Vangopoulos durch die Straßen. In der Vardon Avenue schläft Ophelia auf einer Hauswand, die Augen geschlossen, das Haar im Wasser treibend, von Seerosen umgeben. Der Streetart-Künstler Jimmy C brauchte drei Tage und Tausende übereinandergelegte Sprühpunkte, um Shakespeares Tragödin hier auf Backstein zu verewigen.

Am Abend, in einer Bar an der Leigh Street, zieht Adelaide noch einmal an uns vorbei. Das Land dahinter aber, das ungeformte, weite, wilde, hat noch kein Wort gesagt. Morgen nehmen wir die Fähre nach Kangaroo Island. Dort beginnt ein anderes Australien.

Die Insel ohne Fuchs und Hase

Eine knappe Stunde Überfahrt ab Cape Jervis, dann spuckt die Fähre Dutzende Autos aus, unser Mietwagen mittendrin. Es folgen Schafe auf sattgrüner Weide, windgeformte Eukalypten, dahinter schimmerndes Meer und eine Stille, die man fast hören kann. Kangaroo Island ist knapp 4.400 Quadratkilometer groß, Australiens drittgrößte Insel und so etwas wie ein Paralleluniversum.

Matthew Flinders benannte die Insel 1802 nach den Kängurus, auf die seine ausgehungerte Crew Jagd machte. Sechs Wochen später traf er auf offener See den Franzosen Nicolas Baudin, der dieselbe Küste kartieren wollte. Beide wussten nichts voneinander. Die Ortsnamen sind bis heute halb englisch, halb französisch: Cape du Couedic, Vivonne Bay, Admirals Arch.

Adam Houchin wartet am nächsten Morgen vor der Unterkunft. Der ehemalige Lastwagenfahrer und Footballcoach ist heute unser Guide. „Keine Ampeln auf der Insel, kein Kreisverkehr“, sagt er. „Keine Füchse, Kaninchen, Dingos, Kröten.“ Eine kurze Pause. „Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist es aber nicht.“ Er hat recht. Was auf dem Festland an eingeschleppten Räubern das Ökosystem zerfressen hat, fehlt hier. Ein Glücksfall der Geografie: Als der Meeresspiegel nach der letzten Eiszeit stieg, wurde mit der Insel ein intaktes Stück abgeschnitten.



Ein Geschöpf wie von einem anderen Stern


Plötzlich bremst Adam hart. „Ein Ameisenigel! Da, im Busch!“ Das igelähnliche Tier wühlt sich durch trockenes Laub, seine cremegelben Stacheln - umgebaute Haare von bis zu sieben Zentimetern - glänzen in der Sonne. Es watschelt steif und reptilienhaft, ein Geschöpf wie von einem anderen Stern. Ameisenigel sind Monotremen, Säugetiere, die Eier legen. Zähne hat er keine, dafür eine klebrige Zunge, und eine Körpertemperatur von nur 31 bis 32 Grad, deutlich unter der aller anderen Säugetiere.

Am Straßenrand steht eine Pflanze, die auf den ersten Blick eine Palme sein könnte. Ein Grasbaum. Manche Exemplare seien 300 Jahre alt, sagt Adam, und wüchsen kaum einen Zentimeter im Jahr. Der Blütenspieß aber lege, wenn er austreibe, einen Zentimeter am Tag zurück und werde sechs Meter hoch. „Die Pflanze braucht tatsächlich Feuer, um zu blühen. Es ist ihr Startsignal“, sagt Adam. An den alten Blättern, die wie ein Rock um den Stamm hängen, lässt sich ablesen, wie lange der letzte Brand zurückliegt.

Koala mit zerzaustem Fell blickt aus einer Eukalyptusastgabel
Was das Feuer übrig ließ

In einer Eukalyptusgruppe hängt ein Koala schlafend in der Astgabel. Dann blinzelt er. 1926 wurden achtzehn Tiere auf der Insel ausgesetzt, danach explodierten die Bestände auf über 65.000.

Im Sommer 2019/2020 kamen die Feuer und brannten fast die Hälfte der Insel nieder: 211.000 Hektar, 87 Häuser, 60.000 Nutztiere, zwei Menschenleben. Der Flinders-Chase-Nationalpark wurde zu 96 Prozent zerstört, rund 39.000 Koalas, 82 Prozent der Inselpopulation, kamen in den Flammen um. Inzwischen sind die Bestände wieder auf über 15.000 Tiere gewachsen. Rund ein Drittel der Inselfläche steht unter Schutz; der Flinders-Chase-Nationalpark, den es am härtesten traf, gehört dazu.



500 Millionen Jahre haben Wind, Salz und Regen an ihnen gearbeitet, sie aus dem Urgestein von Gondwana herausgeschält


Am Nachmittag die Remarkable Rocks. Granitbrocken, manche so groß wie ein Haus, sechzig Meter über dem Südlichen Ozean aufgetürmt. 500 Millionen Jahre haben Wind, Salz und Regen an ihnen gearbeitet, sie aus dem Urgestein von Gondwana herausgeschält. Entstanden sind Formen, die kein Bildhauer erfunden hätte. Schwarze Xenolithe stecken im hellen Granit, orangefarbene Flechten überziehen die Oberflächen. Einige Felsen haben Höhlen, man kann hindurchkriechen. Annette stellt sich in eine dieser Schalen, der Wind bläst ihr die Haare aus dem Gesicht.

Letzter Halt: Seal Bay. Drei etwa fünf Monate alte Australische Seelöwen rollen eine Düne hinunter, beißen sich ins Fell, kuscheln, toben, schnuppern, während die Mütter in einiger Entfernung liegen und desinteressiert tun. Die Art ist vom Aussterben bedroht: Weltweit gibt es noch rund 12.000 dieser Seelöwen, etwa 800 leben hier. Ausgewachsene Männchen tauchen bis zu 275 Meter tief und halten zwölf Minuten die Luft an.

Zurück fahren wir durch ein Abendlicht, das alles in Honigfarben taucht. Kängurus stehen am Straßenrand, Schwarzschwäne führen Küken durchs Schilf. Und Duncans Satz klingt jetzt schon anders. Hier, auf einer Insel ohne Fuchs und Hase, dafür mit Ameisenigel, Urzeitfelsen und sturmgepeitschtem Meer, treibt die Evolution auf kleinem Raum ein irrwitziges Spiel. Seit 500 Millionen Jahren.

Die Hüter, nicht die Besitzer

McLaren Vale, Hügel wie sanfte Wellen, Reben in Herbstrot und Gold, dazwischen schlanke Goldcrest-Zypressen im Wind. Zurück auf dem Festland führt der Weg zu einem Landgut von 1851, heller Sandstein, Kletterpflanzen über der Fassade, hinter dem Restaurant knapp 3.000 Quadratmeter Biogarten. Der Sommelier kredenzt zwei gefüllte Weißweingläser von einem Produzenten aus dem Tal. Was auf den Tisch kommt, wächst ein paar Meter entfernt. Die Natur diktiert die Karte.

Zwei Tage und 192 Kilometer später das Clare Valley. Warrick Duthy vom Watervale Hotel betreibt hier seinen Chef's Table: zehn Gäste an einer langen Theke, direkt an der offenen Küche. Das Tal, sagt er, sei geologisch so vielfältig wie kaum eine andere Weinregion Australiens, und genau das erkläre den Weltruf des hiesigen Rieslings.



„Sie sahen sich nicht als Besitzer des Landes, sie waren die Hüter“


Nach dem fünften Gang wird Warricks Ton ein anderer. „Die Ngadjuri kamen jeden Oktober und November hier ins Tal. Die ‚Keepers of the Breath‘ nannten sie sich. Das Valley war voll mit Wasser, das Klima gut. Sie kamen, um hier zu gebären. Sie sahen sich nicht als Besitzer des Landes, sie waren die Hüter.“ Nach dem letzten Teller schweben seine Worte noch lange über dem Tisch.

Am nächsten Morgen die Jesuitensiedlung Sevenhill. 1848 kam ein österreichischer Pater in dieses Tal, um deutschsprachige Katholiken zu betreuen, denen unter den lutherischen Preußen in Tanunda unwohl war. Aloysius Kranewitter benannte die Siedlung nach den sieben Hügeln Roms.

Um die Kirche herum herrscht stilles Treiben. Ein Flötenkrähenstar sitzt im Profil auf einem Zaunpfahl. Im Garten trinkt ein Vogel, den ich als Moschuslori identifiziere, Nektar aus blühenden Schönmalven. Auf einem morschen Eukalyptusast schimpft ein Rotlappen-Honigfresser, eine Fächerschwanztaube äugt vom Zaun herüber, den Federschopf spitz aufgerichtet. Und dann, zwischen flechtenüberzogenen Ästen, ein gelb-blauer Pennantsittich, so leuchtend, dass ich kurz denke, jemand hätte ihn dort als Dekoration hingehängt.

Draußen im Weinberg denke ich an die Ngadjuri, die das Tal nicht besaßen, aber hüteten. Südaustralien ist ein Land, das man nicht wirklich besitzen kann.

Ockergelb und sienabraun gebänderte Bergrücken der Flinders Ranges im tief stehenden Licht
Ein Röntgenbild aus Stein und Salz

Der Abend beginnt mit Emus. Zwölf Exemplare durchstreifen das ockerbraune Grasland östlich von Hawker. Vom Aussichtspunkt aus faltet sich das Schichtgestein der Flinders Ranges in Wellen bis zum Horizont, als hätte eine gewaltige Hand den Kontinent zusammengeschoben. In der Stille denke ich an das Wort Dadirri aus einer Sprache des australischen Nordens: das tiefe, innere Zuhören. Vielleicht mag ich deshalb gerade nicht viel reden.

Am nächsten Morgen um sechs startet Pilot Aidan Fry die Cessna 210N. Wilpena Pound wird zuerst sichtbar. Von unten sieht es aus wie eine Bergkette, von oben zeigt sich die Wahrheit: ein natürliches Amphitheater von 80 Quadratkilometern. Purpurgraue Falten durchziehen das Gestein, als hätte tektonischer Druck die Erdkruste wie Stoff gerafft.


Niemand hat es gesehen, niemand hat geredet


Etwas später dann die Anna Creek Station, mit 23.677 Quadratkilometern die größte Viehstation der Welt. Aidan zeigt nach unten. „Irgendwo da unten ist er.“ Ich sehe nichts. Dann eine helle Linie, eine zweite, und plötzlich tritt er heraus: der Marree Man, eine Figur von 2,7 Kilometern Länge, 1998 von einem Buschpiloten bei einem Routineflug entdeckt. Wer sie schuf, ist bis heute ungeklärt. Niemand hat es gesehen, niemand hat geredet.

Kurz darauf liegt der Kati Thanda-Lake Eyre unter uns wie eine zerbrochene Spiegelscherbe, die Licht fängt und streut. Am Ufer trifft rostbraunes Wasser auf salzverkrustete Erde, karminrot leuchtet es dort, wo Mineralien und Algen Muster bilden. Gefüllt ist er der größte See des Kontinents und war im vergangenen Jahrhundert nur viermal wirklich voll, zuletzt 1974.

Zum Mittagessen landen wir in William Creek, offiziell eine Stadt: sechs bis zehn Einwohner, je nach Jahreszeit. Wir essen mit Rinderzüchtern, Motorradreisenden und Minenarbeitern.

Der Rückflug führt über den Lake Torrens, seit Jahrzehnten fast ausgetrocknet. Salzkrusten schieben sich wie gefrorene Wellen über das Seebett, dazwischen rostrote Inseln aus oxidiertem Sediment, aus der Luft ein geologisches Röntgenbild des Kontinents. Ich drücke die Stirn an die Scheibe. Jetzt, nach Ameisenigeln und Seelöwen, nach Duncans Satz über Australien - Kontinent oder Land, nach Gondwana-Felsen im pfeifenden Wind und zwei Salzseen, die so unfassbar sind wie schön, fliegt dieser Satz einfach weg. Was bleibt, sind Staunen, Demut und Dankbarkeit.

Der Kontinent, der ein Land ist

Weiße Sandsteinkirchen, eine Insel ohne Füchse und ein Salzsee, der nur selten Wasser sieht: Südaustralien hält seine besten Geschichten für die bereit, die weiterfahren. Auf der offiziellen Seite von Südaustralien findest du Routen für Mietwagenreisen von Adelaide bis ins Outback, Termine für die Weinregionen, Tipps zur Fähre nach Kangaroo Island und zu Rundflügen über die Flinders Ranges. Plane jetzt deine eigene Runde durch den Süden.

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ÜBER DEN Autor/Fotografen

Malte Clavin hat ein glühendes 'Entdecker-Gen'. Als Fotograf und Abenteuer- und Extrem-Autor fasziniert er sich für exotische, ferne und kaum bekannte Reiseziele. Seine fesselnden Geschichten sind in über 40 Publikationen erschienen, darunter National Geographic Traveler, GEO, DIE ZEIT, Spiegel und natürlich WideOyster Magazin. Als Speaker begeisterte er über 19.000 Menschen in 18 Ländern. Seine Themen sind Mut, Risiko und Mindset.

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