Eine Hauptstadt voller prachtvoller Tempel, umgeben von sattgrünem Dschungel. Gewaltige Schluchten mit rauschenden Flüssen und Höhenwege mit erstaunlichen Blicken über Teefelder und Wolkenmeere. Dunkle, stille Wälder mit jahrhundertealten Riesenbäumen und Bergwiesen, auf denen unzählige Schmetterlinge um die Blüten tanzen - all das und viel mehr ist Taiwan.
Der Rauch beißt in den Augen; er zieht aus den Pfannen und Öfen, in denen Räucherwerk und Papieropfer glimmen. Er spielt eine zentrale Rolle in den Ritualen des 1738 gegründeten Longshan-Tempels. Der Rauch steht für den Transport der Bitten zu den Göttern, dient der spirituellen Reinigung und soll vor bösen Geistern schützen. Das Verbrennen der Opfergaben zeigt Respekt und Dankbarkeit gegenüber Göttern und Ahnen.
Der Longshan-Tempel ist Taipehs ältester Tempel und ein sozialer Treffpunkt. Neben der buddhistischen Göttin Guanyin werden hier weitere Gottheiten wie Mazu und Guan Yu verehrt, erfahren wir von unserer Führerin Alex. Manche Besucher murmeln in ihre Hände und werfen zwei halbmondförmige Holzstücke zu Boden. Alex erklärt: „Das nennt sich Poe-Orakel. Die Lage der Stücke, jiaobei genannt, zeigt die Antwort der Götter an: Ja, Nein oder Frage unerheblich. Wackeln die Stücke, lachen die Götter. Mehrfaches Werfen ist erlaubt.“ Alex zeigt auf einen Schrank mit Schubladen: „Wer mehr braucht als Ja oder Nein, zieht ein Stäbchen, das zu einer nummerierten Schublade führt. Darin liegen Zettel mit sinnbildlichen Hinweisen.“
Sofort lenkt mich das prachtvolle Innere des Tempels ab. Mein Blick wandert von den üppig verzierten Decken und Wänden zu den chinesischen Schriftzeichen an den Säulen und zum Hauptaltar mit seinen buddhistischen Statuen, eingerahmt von Blumen, Früchten und Opfergaben.
Der tiefgrüne Dschungel droht Taipeh zu verschlingen. Meine Frau Annette und ich besteigen den 183 Meter hohen Elephant Mountain, einen der Vier Bestien-Berge. Bei drückender Luftfeuchtigkeit und ohne Wind erreichen wir nach etwa 350 Stufen eine Aussichtsplattform. Dort müssen wir uns zwischen Selfie-Künstlern hindurchfädeln, um die Skyline vor Einbruch der Dunkelheit zu sehen. Wir machen uns rasch auf den Rückweg, denn wir wollen pünktlich am Aufzug im Taipei 101 stehen, dem höchsten Gebäude der Stadt.
Bis 2007 war der Taipei 101 mit 508 Metern der höchste Wolkenkratzer der Welt, dann übertraf ihn der Burj Khalifa in Dubai. Der Aufzug bringt uns im Nu zur Aussichtsplattform im 89. Stock. Neben der atemberaubenden Aussicht lohnt auch ein Blick ins Innere des Gebäudes. Besonders faszinierend ist hier die 660 Tonnen schwere Pendelkugel des Damper Swing. Bei Erdbeben und Stürmen dämpft die Kugel die Schwingungen des Gebäudes und macht den Taipei 101 zu einem der sichersten Wolkenkratzer der Welt.
Zurück auf dem Boden folgen wir Alex in eines der unzähligen Einkaufszentrum-Restaurants. Roboter surren mit leeren Tellern an uns vorbei, und weiter hinten, in der verglasten Küche, führen weiß gewandete Akrobaten eine Art Tanz auf, mit gleichförmigen, ausholenden Bewegungen. Sie fertigen die berühmten Xiaolongbao des Hauses: kleine, gedämpfte Teigtaschen von drei bis vier Zentimetern Durchmesser. Diese Köstlichkeiten haben hauchdünne Teighüllen, die präzise mindestens vierzehn- und höchstens achtzehnmal gefaltet werden, um die Füllungen aus Fleisch, Meeresfrüchten, Gemüse oder Pilzen einzuschließen. Jede Teigtasche wird dann im Bambuskörbchen gar gedämpft. Serviert wird das Ganze so frisch und heiß wie möglich. Zum Essen heben wir vorsichtig ein Xiaolongbao mit einem Stäbchen heraus, tunken es in eine der Saucen und stellen fest - es ist köstlich!
Alex klingt heute besonders überzeugt: „Dieses Quellwasser stärkt dein Immunsystem, verschönert deine Haut und tut Muskeln und Knochen besonders gut!“ Sie taucht die Hand in eines der vielen Becken mit grünlich schimmerndem, schwefelhaltigem Quellwasser nahe dem Beitou-See, wäscht sich damit das Gesicht und lacht: „Ahhh, ein Segen der Natur! Früher glaubten die Einheimischen, eine Hexe habe das Wasser in eine Heilquelle verwandelt und aus Bergnebel und Rauch eine unsichtbare Schutzmauer um den See gezogen.“
Wir nähern uns dem Beitou-See, der in dichte Dampfwolken gehüllt ist. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt lichten sich die Schwaden, und wir sehen das 92 Grad heiße Wasser. Dies scheint einer der wenigen Orte der Erde zu sein, an dem man wie durch eine Zeitmaschine erahnt, wie die Welt vor Jahrmillionen aussah. Auf der Informationstafel lesen wir: „Umrunde den See auf wechselnden Höhen, tauche ein in die üppige Landschaft aus Bergen, Wasser, Nebeln und Quellen. Entfliehe für eine Weile der Hast des modernen Lebens und genieße die stille Gelassenheit, gesegnet von natürlicher Energie. Lass die Unruhe von Geist und Körper zergehen wie Rauchschwaden.“
Wir gehen weiter am dampfenden Wasserlauf entlang und bewundern die großen Blätter der Elefantenohrbäume und die Papiermaulbeerbäume, die hier bis zu zwanzig Meter hoch werden. Eine Raupe des Rosenmyrten-Glucken-Falters verharrt auf einem Blatt. Eine weitere Tafel verrät uns, dass im See das seltene Mineral Hokutolith vorkommt. Es enthält radioaktive Radiumelemente und findet sich nur hier und in einer japanischen Heilquelle.
Nach zweieinhalb Stunden Fahrt von Taipeh parkt unser Fahrer Cheng den Bus im Taroko-Nationalpark, oberhalb eines reißenden Flusses. „Zeit, die Beine ein wenig zu vertreten“, ruft Alex fröhlich. Ein Schild weist darauf hin, dass hier Jiuqudong beginnt, der Tunnel der neun Kehren, der über mehrere Kilometer entlang der eindrucksvoll tiefen, wilden Taroko-Schlucht verläuft, durch die der Liwu fließt. Der Abschnitt mit den neun Kehren ist berühmt für seine engen Kurven und die von der Natur geformten Muster der Felswand. Annette und ich stapfen los, die Köpfe durch gelbe Helme geschützt, denn mit Steinschlag ist hier jederzeit zu rechnen. Schon nach wenigen Metern sehen wir unter uns den tosenden, türkisblauen Liwu. Dann blicken wir hinauf zu den mehrere hundert Meter hohen, steilen und bewachsenen Felswänden, die grau, dunkelblau und sandsteinfarben schimmern. An jeder Kehre des Wegs öffnet sich ein neuer Blick auf die geologischen Formationen und die glatten Marmorwände, die der Fluss über Jahrmillionen aus dem weichen Gestein gewaschen hat. Wegen der geringen Breite und der enormen Tiefe der Schlucht sieht man von unten nur einen schmalen Streifen Himmel - weshalb dieser enge Teil der Schlucht auf Chinesisch auch „Faden des Himmels“ heißt.
Adrenalinstoß! Annette und ich sind gerade aus dem lichten Wald getreten und stehen nun zum ersten Mal auf dem wohl spektakulärsten Stück des historischen Handelswegs Zhuilu Old Road: der berüchtigten Zhuilu-Klippe. Vor uns ist der Pfad nur etwa sechzig Zentimeter breit. Rechts steigt eine Marmorwand senkrecht auf, links klafft ein 500 bis 700 Meter tiefer Abgrund - ohne Geländer!
Zwei Stunden zuvor waren wir an der ersten Hängebrücke gestartet und hatten den ersten Teil des steilen Wegs in Angriff genommen, eine breite Treppenflucht. Bei einer Pause an den überwucherten Fundamenten der verlassenen Siedlung Badagang fand ich einen meiner Lieblingsorte dieser Reise: eine wilde Wiese mit einer Artenvielfalt an Summen und Zirpen, wie ich sie sonst nirgends in Taiwan erlebt habe. Aufnahmen von Schwalbenschwänzen der Arten Papilio paris hermosanus und Pachliopta aristolochiae und vom Falter Junonia lemonias mit seinen orangefarbenen Augenwinkeln landeten in rascher Folge auf der Speicherkarte meiner Kamera. Hinter der Hängebrücke von Badagang steigt der Weg in Serpentinen an. Dann hören wir ein „tschirit-tschirit“, gefolgt von „sri-sisi“. Alex zeigt nach oben und sagt leise: „Da, ein Graukinn-Mennigvogel.“ Wir entdecken den rund achtzehn Zentimeter langen Vogel dank seines orangefarbenen Gefieders. Nur wenige Meter weiter oben trete ich beinahe auf die Raupe des Schwärmers Theretra pallicosta, trotz ihres grasgrünen Körpers und ihrer großen, glänzenden Augen.
Eine halbe Stunde später blicken wir ehrfürchtig auf die Passage vor uns. Alex macht uns Mut: „Stell dir vor, du schaust von der Spitze des Taipei 101 hinunter in die Taroko-Schlucht. Ungefähr so ist es jetzt.“ Wir wagen uns vor, den Blick fest auf die nächsten Meter Weg gerichtet. Ab und zu stütze ich mich mit dem rechten Arm an der Felswand ab, während ich nach links hinunter auf den Liwu schaue, an dessen Rand die geparkten Busse wie winzige Legosteine wirken. Nach gut drei Kilometern endet unsere Wanderung am Abgrund abrupt. Wir müssen umkehren, weil der Weg wegen Steinschlags unpassierbar ist. Auf dem Rückweg haben wir noch einmal Gelegenheit, den spektakulären Blick auf die einzigartige Schlucht mit ihrer großen Bandbreite an Farben und Strukturen aus Marmor, Granit und Quarzglimmer zu genießen.
Man könnte den Wald von Alishan einen „Zoo der Bäume“ nennen: Akazien, Papiermaulbeerbäume, Formosa-Zypressen, Ginkgos, Taiwanien, Taiwan-Hemlocktannen und Chinesische Kiefern wachsen hier. Manche werden verehrt, manche haben sogar einen heiligen Status, etwa die Tausendjährige Zypresse, ursprünglich auf Japanisch „Banzai“ genannt, für 10.000 Jahre.
Taiwanien dagegen sind schwer zu finden. Wegen ihrer imposanten Höhe von bis zu 70 Metern nannten die indigenen Rukai die immergrünen Nadelbäume einst „Bäume, die an den Mond stoßen“. Die Taiwaner gaben dem Baum den etwas bescheideneren Beinamen Taiwans Großvater. Und dann ist da noch der Heilige Baum von Xianglin, der nach einem Blitzeinschlag 2007 zum zweiten heiligen Baum von Alishan bestimmt wurde.
Bäume beflügeln die Fantasie, was sich in den Namen einzelner Exemplare spiegelt. So gibt es im Wald von Alishan den Elefantenrüsselbaum. Diese Formosa-Zypresse ist von Pilzen so stark geschädigt, dass der tote Stamm heute aussieht wie ein Elefantenschädel, samt Auge und Rüssel. Auch viele der anderen alten Baumstümpfe und Wurzelwerke, teils mit Moos überzogen, regen unterwegs zu Namen an: Tiger, Ungeheuer und Vögel treten in unseren Köpfen aus dem Unterholz, erwachen in kleinen Geschichten zum Leben - und verwandeln unsere Wanderung in ein Märchenvergnügen.
Noch trunken von Fantasie kehren wir in der Dämmerung ins Hotel zurück. Alex drängt uns, rasch die Dachterrasse aufzusuchen. Ein gewaltiges Wolkenmeer liegt vor uns in der weiten Talebene. Es entstand, als weiter unten verdunstete Feuchtigkeit mit Luftströmungen die Hänge hinaufstieg, abkühlte und zu Wolken kondensierte - so die wissenschaftliche Erklärung für dieses wunderbare Phänomen, das den Tag für uns unerwartet zauberhaft ausklingen lässt.
Entdecke Taiwans verborgene Schätze! Von atemberaubenden Landschaften bis zu pulsierenden Städten wartet Taiwan darauf, erkundet zu werden. Plane dein Abenteuer noch heute auf der offiziellen Website der Taiwan Tourism Administration:
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